[AdJ 2011] – Welches -gate nimmst du?

25. Januar 2012 von suz

Heute bloggen Kristin und ich zeitgleich zum Kandidaten -gate. So ein Parallelpost haben wir uns schon im letzten Jahr gegönnt: wir wissen also bis 22 Uhr nicht, welche Überlegungen die andere angestellt hat, wo sie gesucht hat und zu welchem Ergebnis sie kommt. Reizvoll.

(Hier geht’s zu Kristins Beitrag. Sie hat auch die Nominierungsbegründung von Patrick Schulz ausgegraben – ich hatte gar nicht auf Kommentarseite 4 geguckt. Auch gut. Dann war ich wenigstens nicht in eine von beiden Richtungen voreingenommen, weil Patrick letztes Jahr das Siegerwort leaken nominiert hatte.)

Nun denn: Zum ersten Mal in der traditionsreichen Geschichte der Wahl zum Anglizismus des Jahres ist ein Affix nominiert bzw. hat die erste Runde überstanden: -gate. Die Nominierung, genauer gesagt eigentlich die Entlehnung eines gebundenen Derivationsmorphems an sich, ist deshalb ein bisschen erstaunlich, weil in den allermeisten Fällen ungebundene, also freie lexikalische Einheiten entlehnt werden. Es sind also besoders Nomen und Verben, die Sprachen mit Vorliebe aufnehmen; mit ein klein bisschen Abstand folgen Adjektive – und ganz selten in der Entlehnungshierarchie stehen Einheiten, die sich eher am grammatischen Ende unseres Wortschatzes befinden.

Jetzt haben wir mit -gate also ein Suffix, ein (augenscheinlich) gebundenes Morphem, ein Nominal- bzw. Derivationssuffix.

Aktualität?

In der Kürze der Zeit im ausklingenden Semester war es mir unmöglich, eine eventuelle Häufigkeit genau zu bemessen bzw. das Vorkommen des – nennen wir es vorläufig – Wortbestandteils genauer auf einen Zeitraum einzugrenzen. Das liegt primär daran, dass -gate in oberflächlichen Suchanfragen alle möglichen Wortkombinationen auswirft, die auf -gate enden: eine flotte Aufzählung beinhaltet beispielsweise Surrogate, Aggregate, Agate, Spagate oder Colgate. Andererseits werden all die “echten” -gates übersehen, die sich bereits in der Schreibung der deutschen Orthografie angepasst haben: also eben nicht Karatchi-Gate oder Battery-Gate, die mit einem Bindestrich die Suche ermöglichen und erleichtern.

Die schnelle Suche in Zeitungskorpora bei Cosmas II ergibt ein ebenso verwirrtes Bild und hilft bei der Aktualitätsüberprüfung nur so viel weiter: -gate ist als Affix schon lange belegt, eigentlich deutlich zu alt und für die Wahl 2011 schon vorweg nicht qualifiziert.

Also müssen wir uns der Nominierung anders nähern. Ich werfe deshalb zwei Fragen in den Raum: 1.) Hat sich die Bedeutung in den letzten Jahren vor und speziell in 2011 spürbar vom Surrogat(e) Watergate entfernt? Dann frage ich mich allerdings auch 2.): worum handelt es sich eigentlich – um ein Derivationsaffix oder vielleicht doch um den Kopf eines Kompositums?

Ursprung

Na, das überrascht jetzt niemanden: Watergate, 1972. Der OED (in der Ausgabe von 1989, auf der die online verfügbare Definition beruht) definiert es folgendermaßen:

A terminal element denoting an actual or alleged scandal (and usually an attempted cover-up), in some way comparable with the Watergate scandal of 1972.

Ein Skandal mit großer politisch-gesellschaftlicher Strahlkraft, könnte man sagen. Damals.

Im Englischen war -gate übrigens ganz flott produktiv zur Stelle (OED):

  1. Volgagate (1973), Dallasgate (1975), Koreagate (1976),
  2. Motorgate (1975), Lancegate [is no Watergate] (1977),
  3. Wine-gate (1973), Ice Cream Gate (1977)

Dabei sind die Gruppierungen hier semantisch motiviert vorgenommen (die sich bis heute wenig verwunderlich gehalten haben): Gruppe 1 ist nach den Orten des Skandals, Gruppe 2 nach den Namen der involvierten Personen oder Produkten und Gruppe 3 nach der Substanz des Skandals eingeordnet. Außerdem scheint mit zunehmender Zeit die Wucht des Skandals und seiner Öffentlichkeitswirkung doch recht deutlich abzunehmen.

Interessant ist auch, dass der OED -gate nicht als prototypisches Affix kategorisiert, sondern als combining form. Dies sind Formen, die wie Affixe auftreten (als gebundene Morpheme), also wie etwa die form medico- (von medical), dazu gehören auch beispielsweise gebundene Morpheme wie -ology, bio-, physio- oder astro-, die man auch als Wortbildungselemente der sogenannten neoklassischen Komposition bezeichnet (Wortbildung mit gebundenen lateinischen oder griechischen Elementen). Mit -gate scheinen wir uns also in der Grauzone zwischen Komposition und Derivation zu befinden: Komposition wäre es nur dann eindeutig(er), wenn -gate ein freies Morphem wäre. (Ich suche aber noch die Relevanz der Erkenntnis, dass es sich um ein Kompositionselement handeln könnte.)

Kompositum?

Die Frage ist für die Wahl aber drittrangig und abschließend beantworten möchte ich sie nicht. Jaha, dann kam heute nämlich Babette und tat uns und der Twittergemeinde einen ganz wunderbaren Gefallen! Das lustige Kettenmailgate aus dem Bundestag förderte heute unter anderem diese Verwendungen von Gate als freies Morphem zu Tage:

Ein Gate und die #Piraten sind nicht dabei? Ich prangere das an! #kürschnergate (25. Januar 2012) [@AlterPirat]

Mal ein Gate, ohne dass #Piraten scheisse gebaut hätten. #kürschnergate (25. Januar 2012) [@TeleGehirn]

wüsste er, was ihr hier alles als “gate” bezeichnet, würde richard nixon sich im grabe umdrehen. (25. Januar 2012) [@dielilly]

Das kennen wir auch schon von Ismus (“Das ist doch bloß wieder so ein komischer Ismus!”) – das gernzitiertes Beispiel von freigesetzten Morphemen (mit lexikalischer Bedeutung). Das macht Kommunismus oder Feminismus natürlich nicht zu Komposita. Aber bei Gate bestünde durchaus das Potential, dass es sich für den kleinen, leicht amüsant anmutenden Skandal für die Frühstückspause durchaus verselbstständigt. Abwarten. Aber Gemach, Gemach – immerhin suchen wir hier den Anglizismus des Jahres 2011 und nicht das Freie Morphem 2012.

#kürchnergate ist seit Stunden Toptrend bei Twitter. Das ist nicht überraschend – und illustriert die Bedeutungsverschiebung von -gate in die Richtung, dass sich bei dem entsprechenden Ereignis eben noch nicht mal um einen Skandal handeln muss, um ein Gate zu sein.

Produktivität?

Diese Einschätzung wird von einem Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen (21.01.2012) gestützt:

Aber man kann Lauer, der einer von 15 Abgeordneten der Piratenpartei im Berliner Abgeordnetenhaus ist, auch sehr schnell zum Ausrasten bringen. Man muss nur „Partnergate“ sagen, „Salzgate“ oder „Esogate“. Es sind die auf Twitter benutzten Codewörter der Skandälchen, mit denen die Berliner Piraten es in letzter Zeit regelmäßig in die Hauptstadtboulevardpresse geschafft haben.

Also davon abgesehen, dass wir vermutlich Probleme mit der Aktualität bekommen, finde ich diese Bedeutungsverschiebung eigentlich ziemlich relevant für die Wahl. Die Suche im Cosmas II bleibt hier oberflächlich, aber ein gewisses Muster zeichnet sich ab:

Waterkantgate” nennen spitze Zungen die kaum glaublichen Wahlkampfvorgänge, die bewirkten, daß laut und in allen Lagern von Politik und Gesellschaft die Frage nach der Moral der Macht gestellt wird.
1987, Mannheimer Morgen, 3. Dezember [H87/KM6.09413]

Welchen Song müßte er heute spielen, um sein durch “Monicagate” ramponiertes Image aufzupolieren?
1998, Frankfurter Rundschau, 6. April [R98/APR.27953]

Die Lokalpresse fand einen griffigen Titel für den Abhörskandal im CDU-Haus: “Wesergate”.
2003, Rhein-Zeitung, 1. Juli [RHZ03/JUL.00398]

Der Skandal hatte als »Nipplegate« für Schlagzeilen gesorgt.
2004, Nürnberger Nachrichten, 24. April [NUN04/SEP.02343]

Die Medien sprechen schon vom „Karatschi-Gate“ mit dem Potenzial, Frankreichs neue Staatsaffäre zu werden.
2010, Nürnberger Nachrichten, 23. November [NUN10/NOV.02267]

Auch ein Kabinettsmitglied gestand, dass ein Krawattenverzicht erheblichen häuslichen Ärger ausgelöst hätte. Krawatten-Befürworter sehen in Seehofers Vorstoß ein bedauerliches Krawatten-Gate: „Stillos“ und eine „Missachtung des Parlaments“, schimpfte ein auf Tradition bedachter CSU-Abgeordneter.
NUZ11/JUL.01355 Nürnberger Zeitung, 14.07.2011

Es ist nur eine Stichprobe – aber wir sind im Deutschen offenbar von der großen Staatsaffäre zum kleinen Kantinenwitz gewandert. Von Watergate zu bajuwarischen Empörung über Krawatten? Also da gehört schon eine gehörige Portion Dramaqueengequengel, aus Letzterem sowas wie Ernsthaftigkeit rauszulesen. Außerdem fehlt der heutigen Verwendung der Aspekt der Ursprungsbedeutung bzw. der, die noch in den 2000er Jahren vorherrschend war, nämlich das des Staatsskandals und des die Öffentlichkeit täuschenden Vertuschens.

Fazit?

Ich bin mir nicht sicher, ob all diese Argumente -gate wirklich für einen der Topplätze qualifizieren. Was aber interessant ist, in Ermangelung der sonst eher dürftigen Erfüllung der Nominierungskriterien: Wir haben eine Bedeutungsverschiebung zum kleinen, amüsanten Skandal für zwischendurch. Erneut ist für diese Einschätzung natürlich der Sog von Twitter mitverantwortlich. Und in der Kürze der Zeit dann trotzdem eine spannende und unterhaltsame Entdeckung, auch für mich. So ist -gate dann doch irgendwie ein putziger Kandidat – vielleicht mit Außenseiterchancen, weil wir jetzt verallgemeinert und ungehemmt produktiv auf alles anwendbar die Gates belächeln dürfen.


[AdJ 2011] Where’s my Masterand?

22. Januar 2012 von suz

Nominiert wurde Masterand von Leser/in kww:

Ich möchte das Wort “Masterand” vorschlagen. Es ist natürlich eine Analogiebildung zu Diplomand, d.h. es bezeichnet jemanden, der an seiner Masterarbeit arbeitet.

Mir ist dieses Wort in diesem Jahr zum ersten Mal und bisher nur in mündlicher Form untergekommen. Nach der Umstellung von den Diplomstudiengängen zu Bachelor/Master-Studiengängen taucht diese Sorte Menschen jetzt zum ersten Mal auf (zumindest in meiner Umgebung). Google zeigt, dass es auch schriftlich vorkommt, vor allem in Stellenanzeigen und da meistens in der Kombination “Diplomand/Masterand”.

Begeben wir uns auf Exkursion und beginnen ein wenig früher.

Der Begriff Master, genau wie der unter augenscheinlicher Verdrängung leidende Magister, geht – wenig überraschend – auf das Lateinische magister zurück (Kluge 1889; Grimmsches Wörterbuch [DWB]). In verkürzter Form wird magister meist als ‘Lehrer, Gelehrter, Meister’ wiedergegeben. Es ist auch verwandt mit dem deutschen Meister und deshalb auch mit allen möglichen Ämtern (Bürgermeister, ursprünglich wohl antonymisch-analog gebildet: Minister); also irgendwie im Wortfeld der Gelehrten und Mächtigen. Der Duden erwähnt gar die morphologische Verwandtschaft zu Magnat [s. 'Herkunft', da magis 'mehr', als adv. zu magnus, siehe auch magna cum laude, Magna Carta - alles irgendwie Große halt].

Magister (lat.) erfuhr im Deutschen nach der schon in früheren Sprachstadien geklauten lateinischen Bedeutung und Entlehnung Meister im Mittelalter eine weitere, zweite Entlehnung unter Konservierung des lateinischen Begriffs, nämlich eine “von den universitäten seit dem 15. jahrh. ausgehende, mit beibehaltung der gelehrten lateinischen form: magister liberalium artium wurde der in der artisten- (philosophischen) facultät zum range der lehrerschaft erhobene genannt; auch doctoren der theologie hieszen magistri” (DWB).

Immer noch ein Gelehrter (und streitbar Mächtiger), aber eben mit der Bedeutungsschattierung im akademischen Rahmen.

Warum das alles? Weil es im Englischen ähnlich ablief. Also auch hier magister > maystr (in diversen Schreibungen) > master. Schauen wir uns dazu mal eine Auswahl der reichhaltigen Belegsammlung des OED unter dem Stichwort master1 an, wo allerdings die überwältigende Anzahl an Einträgen (Bedeutungen) meine Vorstellungskraft von Wortbedeutungsketten und -relationen auf eine herbe Probe stellt – deshalb wirklich Auswahl:

In der Bedeutung als erster Eintrag: ‘Herrscher, Mächtiger, Führer’

Ðonne he gemette ða scylde ðe he stieran scolde, hrædlice he gecyðde ðæt he wæs magister & ealdormonn.
(10. Jhd., King Ælfred, Pastoral Care, Hatton xvii. 117; Übersetzung: van Gelderen 2010: 46)

witodlice he sette him weorca mægstras, þæt hy gehyndon hi mid hefigum byrþenum.
(11. Jhd. Old Eng. Hexateuch: Exod. (Claud.) i. 11)

Heore aȝene pine neure nere þe lesse þah heo meistres weren.
(13. Jhd., MS Lamb. in R. Morris Old Eng. Homilies (1868) 1st Ser. 43)

A kingis prouost may haue na mare power na has his maister.
(15. Jhd., G. Hay Bk. Law of Armys (2005) 103

(Ich bitte um Entschuldigung – meine Altenglischkenntnisse reichen noch nicht aus, um mich in zeitlich vertretbarem Aufwand durch Kasuswindungen und Satzklammern zu friemeln.)

Es folgen 13 Haupteinträge mit einer scrollbalkenatomisierenden Zahl an unter Umständen obsoleten Unterbedeutungen: Manager, Aufseher, Haushaltsvorsteher, Militäroberer, Arbeitgeber, Jemanden-irgendwas-tuend-in-einer-Schule, irgendwas-technisches (master slave), Haustierbesitzer (obächtle! Herrchen!), Sieger einer Schlacht, Jemand-mit-Macht, Freier Mann, être maître, a woman’s huband, Schiffskapitän, Besitzer von irgendwas – vielleicht hätte ich mich auf Online Etymology Dictionary beschränken sollen – Bridgespielkarte, Hauptdokument, Gramophonteil – oha, ab Bedeutung 11: Lehrer, in Komposita auch als Schuldirektor, Lehrmeister, Stil- und Kunstikone — und wenn ich lange genug suchen würde, bestimmt auch noch im Wortfeld des Spaßvogels.

Dreißig Kilometer (es folgen dann noch 10 weitere Einträge und eine Latte an offenbar definitionswürdigen Komposita) später sind wir also bei:

A holder of a senior degree from a university or other academic institution, the degree being originally of a status which conveyed authority to teach at a university. Now usually: the holder of a postgraduate degree below the level of a doctorate.

‘Person mit einem weiterführenden Abschluss einer Universität oder einer anderen akademischen Einrichtung; der Grad befähigte ursprünglich zur Lehre an einer Universität. Jetzt bezeichnet master üblicherweise den/die Träger/in eines postgraduierten Abschlusses unterhalb eines Doktorgrades.’

Bis ins 19. Jahrhundert beschränkte sich master überwiegend auf die Geisteswissenschaften (als Master of Arts oder magister artium), das Doktorat war das Pendant in den anderen Fächern. In dieser Bedeutung ist master erstmals 1380 belegt:

Heyr lyis Ingram of Kethenys prist maystr in arit.
(1380, Proc. Soc. Antiquaries Scotl. (1896) 30 42.)

Nehmen wir die Orthografie als brauchbaren Indikator zur Aussprache, listet der OED eine beeindruckende Liste an Entwicklungsstadien von magister > master:

Altenglisch (bis ca. 11. Jdh.): mægster, magester, magister, mægester, mægister
Im Übergang zu Mittelenglisch (11. Jdh.): mestre, mæstere
Mittelenglisch (12.-14. Jdh.): maȝȝstre, maistere, maistr, maistur, maistyr, maystere, maystir, maystur, maystyr, meister, meistir, meistre, mesteir, meyster, maistir, mayster, maystre, maister,
Spätes Mittelenglisch (15-16 Jhd.): masster, mastur, mastir, mastyr, mastre, master, mastar, muster;
Schottisch (17. Jhd.): maiester, maistere, maisterris (plural)
Eng. Regional (18. Jhd.): maaster (north.), maasther (north.), maestur (west.), maister,  maisther (north.), marster (south-east.), mayster, measter, meeaster (north.), mester (north.), mesther (north.), mestur (north.);

Was auffällt: Bereits im Mittelenglischen war das <g> und vermutlich lange davor auch das [ɡ] verschwunden. Außerdem war Mittelenglisch recht nahe am heutigen Meister. Durch Lautverschiebungen und einem intensiven Sprachkontakt mit dem Altnordischen und Französischen (OED), landen wir im Frühneuenglischen (etwa ab 1500) beim master. Man könnte fast sagen: Eine lautliche Entwicklung, die im Deutschen beim Meister und akademisch beim Magister stehengeblieben zu sein schein – die dann vom Bologna-Prozess aber hopplahopp vorangetrieben wurde.*

Kommen wir zum Wesentlichen, sonst steht nachher im Kommentarbereich: “Thema verfehlt!”. Immerhin ist Masterand nominiert und die Feststellung, dass die Englische Sprache im Sprachwandel mal wieder n Zacken flotter war, ist ja auch nicht so neu. Wie der/die Nominierende vermutete, ist Masterand eine analoge Bildung zu Diplomand und Magistrand – also als Bezeichnung für jemanden, der/die gerade kurz vor Erlangung des akademischen Grades steht, also hier dem des Masters. Mit Einführung der Bachelor- und Masterabschlüsse und dem Auslaufen der traditionellen Diplom- und Magisterabschlüsse fehlen uns offenbar auch die Gegenstücke zu diplomieren und magistrieren. Man könnte  einwenden, dass magistrieren gar nicht existiert – zugegeben, 255 Treffer sind im Vergleich zu über einer halben Million für diplomieren nicht gerade üppig.

Wozu magistrieren und diplomieren? Das Nominalsuffix -and ist ein Derivationssuffix, das aus Verben auf -ieren die entsprechenden Nomen macht: neben den Diplomanden, Doktoranden und Habilitanden gibt es auch die Probanden, Konfirmanden und Rehabilitanden, in der Mathematik (also unbelebte Entitäten) die Summanden, Multiplikanden, Operanden oder Integranden. Dieses Derivationssuffix gibt es auch in der selteneren Alternative -end: Subtrahend oder Dividend – und aus dem Reich der Akademie natürlich der Promovend.

Die deutlich produktivere Variante ist das Suffixpaar -ant/-ent: auch hier werden Nomen aus -ieren-Verben abgeleitet, allerdings mit einem subtilen semantischen Unterschied: Absolvent, Ministrant, Dirigent, Emigrant, Emitent, Fabrikant, Korrespondent, Demonstrant, Kontrahent oder Querulant bezeichnen Personen, die die Verbhandlung selbst ausführen.

Die -and/-end-Nomen hingegen bezeichnen Personen, die von der Verbhandlung betroffen sind (Canoo.net, Duden.de). Manche qualifizieren sich also über den Ministranten zum Konfirmanden. Darin liegt vielleicht auch eine der Gründe der Konfusion, ob man (selbst) eigentlich promovieren kann oder ob man promoviert wird. (Dies ist mir bisher vor allem von Sprachpflegern vorgehalten worden, weil ich sage: man kann auch *hüstel* selbst promovieren; also sprachlich.) Ergoexkurs: Müsste man nicht sogar eine Unterscheidung zwischen Promovent und Promovend ziehen?

In einem Forumsartikel bei leo.org berichten einige Foristen von ihren Bauchschmerzen beim Wort Masterand (was analog aber auch für Bachelorand gilt): Warum nicht Master-Student? Weil es nicht ausreichend genau ist: Ein Master-Student bezeichnet allgemeiner jemanden, der in einem Masterstudiengang eingeschrieben ist. Der Masterand hingegen spezifiziert den Zeitpunkt des Studiums – kurz vor dem Abschluss.

So suchen bereits viele Unternehmen in Stellenbörsen und -anzeigen Masteranden, oft werden derzeit noch Diplomanden angesprochen. Die gesuchten Mitarbeiter werden meist aus technischen Studiengängen rekrutiert, weil sie ihre Abschlussarbeiten häufig als Werkstudierende in den Unternehmen schreiben können. Das dürfte auch der Grund sein, weshalb Masterand eine recht stattliche Anzahl von Googletreffern erzielt, aber in Trendlisten (z.B GoogleInsights) oder Korpora so gut wie gar nicht auftaucht (weshalb die Nominierung in der Jury sehr skeptisch gesehen wurde) und wohl im allgemeinen Sprachgebrauch noch nicht angekommen zu sein scheint.

Einer der Leo-Foristen merkt an, dass Masterand unsinnig sei, weil – wenn sich Doktorand und Diplomand von Verben auf -ieren ableiten – es gar kein masterieren gäbe. Nun ja, das ist aber auch nicht das Entscheidende: Erstens kann man analog zu diplomieren oder promovieren natürlich masterieren verwenden, um die stressige Phase kurz vor dem akademischen Abschluss zu umschreiben. Zweitens ist auch diplomieren nicht einfach vom Himmel gefallen, sondern ebenfalls eine Derivation, nämlich von Diplom, dem Abschlussgrad also. So ist der Derivationsprozess Master > masterieren > Masterand quasi implizit. Außerdem finde ich diplomieren persönlich auch nicht so nahe dran am Diplomand, wie beispielsweise promovieren am Doktoranden/Promovenden dran ist – weil bei der Doktorarbeit jeder normalerweise bereits mit dem Aufschlagen des ersten Buches promoviert, also während des gesamten Promotionsstudiums – und nicht erst in der heißen Endphase.

Drittens, und das ist entscheidend, ist die Betrachtung der Bildung von Masterand auf rein morphologisch-formalen Aspekten über die Ableitung masterieren eigentlich eher unspannend. Plausibler ist die Annahme, dass die Bildung auf der Analogie in einem fast identischen, semantischen und konzeptuellen Rahmen beruht, also auf dem Abschlussgrad an sich.

Fazit

Wer es bis hierhin geschafft hat: Herzlichen Glückwunsch! Denn eigentlich ist die vorweggenommene Schlussfolgerung: Kein besonders heißer Kandidat für den Anglizismus des Jahres.

Warum?

Erstens, und vielleicht etwas widersprüchlich für die Kriterien der Wahl, weil die Überlebenswahrscheinlichkeit von Masterand nahezu exorbitant hoch ist – zumindest bis wir Master namentlich durch einen anderen Abschluss ersetzt haben. Masterand wird Diplomand und Magistrand in wenigen Jahren komplett verdrängt haben und der Konventionalisierungseffekt wird auch die Bauchschmerzen heilen. (Die Berufsbezeichnungen Dipl-Ing oder Magister werden mit ihren Trägern/-innen noch etwas überdauern.)

Zweitens, und das finde ich im Endeffekt für einen Kandidaten für den Anglizismus des Jahres zu wenig: Masterand bezieht sich in der Bildung auf einen Abschluss, der jeden Namen tragen könnte (es hat fast Eigennamencharakter). Ergo: Es würde genauso schnell wieder verschwinden. Was noch dazu kommt: Es findet keine wirkliche semantische Differenzierung statt. Also abgesehen von der Tatsache, dass Diplomstudiengänge jetzt Masterstudiengänge sind – und es wirklich eine reine Analogie zu den bestehenden Begriffen ist (durch Austausch). Auch, dass dem Master ein Bachelorgrad vorgeschaltet wurde, ändert nichts an der Tatsache, dass die Qualen, Pusteln und Stresssituationen die gleichen bleiben.

Drittens: Die einzige wirkliche Bedeutungsdifferenzierung (siehe Nominierungskriterien) befindet sich eigentlich im Wort Master, nicht notwendigerweise im Masterand. Master ist aber entschieden zu alt, um 2011 noch irgendjemanden anglizismentechnisch vom Hocker zu hauen. Deshalb war mein erster Reflex auch eher: Und wo ist der Anglizismus? Master differenziert aber nicht gegenüber Diplom, sondern gegenüber seinem etymologischen Verwandten Meister, also als Grau-Wieder-Re-Übersprungs-Import. Man hätte für Master den Meister im Bildungswesen aus naheliegenden Gründen aber nicht vorschlagen können. Wir vertragen jede Menge Polysemie – aber bei qualifizierenden Bildungs- und Berufsgraden hört die Polysemieverträglichkeit auf fachlicher Grundlage auf. Gut, die Nominierungskriterien lassen auch zu, wenn etwas bis dato umständlich umschrieben werden musste: so ersetzt Masterand die Masterarbeitschreibenden oder gar ganze Phrasen wie die Studierenden, die ihre Masterarbeit schreiben.

Ich finde aber: Das reicht nicht.

Eine letzte Bemerkung, der ich wirklich nicht widerstehen kann: Die Meisternörgler hinter dem Anglizismusindex des VDS finden, dass Master in den Naturwissenschaften ergänzend, für die Geisteswissenschaften aber verdrängend ist – das verstehe im Ungleichschritt der Lexikonentwicklung im Deutschen und Englischen wer will: Gerade in den Geisteswissenschaften wäre der Master doch eine semantisch-verwandte Weiterentwicklung zu Magister. Na, was soll’s.

Oder aber ich hab trotzdem das Thema verfehlt und hätte eigentlich über die Entwicklung von -and/-end aus dem lateinischen Gerundivsuffix -andus sinnieren sollen. Ich setze es mal auf meine lange “irgenwann noch zu bloggen”-Liste.

Spaß gemacht hat’s trotzdem.

DWB: Grimm, Jakob und Wilhelm Grimm. 1854-1961. Deutsches Wörterbuch [DWB]. Leipzig 1971. [Online]

Kluge, Friedrich. 1889. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Straßburg: Trübner. [Online].

  1. “master, n.1 and adj.”. OED Online. December 2011. Oxford University Press. 20 January 2012 <http://www.oed.com/viewdictionaryentry/Entry/114751>.

Blogspektrogramm #9

19. Januar 2012 von suz

BlogspektrogrammBevor es morgen mit dem Anglizismus des Jahres weitergeht, hier noch schnell der Hinweis auf die Januar-Ausgabe des Blogspektrogramms, das mit der Rundschau für den Dezember bei Kilian im Texttheater erschienen ist.

Im Sprachlog stellt Initiator Anatol zur Diskussion, wie wir die traditionsreiche Tradition des deutschsprachigen Blogkarnevals in Zukunft ausgestalten können, damit sich der Dunstkreis der traditionell üblichen Verdächten ausweiten lässt.

Bisher erschienene Ausgaben:
Blogspektrogramm #1 (im Sprachlog)
Blogspektrogramm #2 (im Sprachlog)
Blogspektrogramm #3 (bei */ˈdɪːkæf/)
Blogspektrogramm #4 (im texttheater)
Blogspektrogramm #5 (im [ʃplɔk])
Blogspektrogramm #6 (im Sprachlog)
Blogspektrogramm #7 (im lexikographieblog)
Blogspektrogramm #8 (*/ˈdɪːkæf/)


[AdJ 2011] Der Shitstorm ist zurück!

16. Januar 2012 von suz

Die Kandidaten für die Wahl zum Anglizismus des Jahres stehen fest – und werden von den Jurymitgliedern in den nächsten Wochen in Blogs und Foren diskutiert werden. Ich mache bei mir den kurzen Auftakt mit Shitstorm. Dieser Kandidat ist bereits zum zweiten Mal nach 2010 nominiert, wo er es in die Endrunde schaffte (war wenig aussichtsreich). Ich diskutierte Shitstorm bereits letztes Jahr in diesem Beitrag.

In die engere Auswahl schaffte es der Begriff also auch 2011. Shitstorm ist in einer schnellen Googlesuche 2011 etwa doppelt so häufig wie 2010. Grund genug, mal zurück und voraus zu blicken. Außerdem wenden wir uns der Frage zu, ob Shitstorm ein sogenannter Scheinanglizismus ist – das gehört auf den ersten Blick nicht hierher, aber irgendwie halt doch.

2010 schrieb ich:

Shitstorm lässt sich für das Deutsche allgemein definieren als ‘Sturm öffentlicher, massenhaft auftretender Entrüstung (im Web)’. Dabei bezieht sich Shitstorm aber nicht nur auf konstruktive Kritik oder erwartbaren Gegenwind, was ja die naheliegende Übersetzung Proteststurm bezeichnen würde, sondern es beinhaltet – mit den Worten des Bloggers Sascha Lobo – auch: “eine subjektiv große Anzahl von kritischen Äußerungen [...], von denen sich zumindest ein Teil vom ursprünglichen Thema ablöst und [die] stattdessen aggressiv, beleidigend, bedrohend oder anders attackierend geführt [werden].” (Sascha Lobo, How to survive a shit storm, Vortrag auf der re:publica 2010)

Daran scheint sich im Grunde nichts wesentliches geändert zu haben. Es könnte sich aber eine Bedeutungsausweitung auf Kontexte eines handelsüblichen öffentlichen Protests bemerkbar machen. Die Welt schreibt im Dezember von öffentlichem Widerstand auch, aber nicht nur, auf Facebook gegen die Weihnachtswerbung einer Elektronikkette. (Die Überschrift muss ein Segen für den Journalisten gewesen sein!) Ganz ähnlich sieht es das Businessmagazin t3n, und kommt zu dem Schluss, dass Definitionen und Verwendungen uneinheitlich sind:

Aus der PR-Sicht sind viele der allgemein als Shitstorm bezeichneten PR-Krisen eigentlich gar keine. Erst wenn der Anteil der unsachlichen, persönlichen Kritik die argumentative Kritik übertönt, sprechen sie von einem Shitstorm. Berechtigte Kritik von Kunden an einem Unternehmen oder einer Marke fällt demnach nicht darunter.
Allgemein betrachtet wird der Begriff aber sehr viel weiter gefasst. Alles was die Reputation eines Unternehmens, einer Marke oder einer Person schadet und über das Social Web eine Eigendynamik entwickelt und eine kritische Masse überschreitet, wird schnell als Shitstorm bezeichnet. Ob das immer gerechtfertigt ist, ist die andere Frage.

Ich bin mir nicht sicher, ob die Aktion des Protests gegen den Elektronikkonzern unter die oben skizzierte Definition von Shitstorm fällt oder ob wir aufgrund dieser Verwendung und unterschiedlicher Auffassungen, wann ein Protest ein Shitstorm ist, von einer Bedeutungsausweitung des Begriffs sprechen dürfen. Bliebe abzuwarten – es spräche aber dafür, dass sich hier ein Begriff vom reinen Social-Media-Kontext in den öffentlichen, allgemeinen Sprachgebrauch verschiebt. Ein vorsichtiges Herzlichen Glückwunsch!

Die Herkunftsbedeutung im Englischen ist im Gegensatz zur Verwendung im Deutschen auf den ersten Blick sehr viel allgemeiner – also meist ganz ohne Web2.0, Social Media und gerne auch ohne die Öffentlichkeit. Nach wie vor findet sich kein Eintrag im OED oder im Merriam. Lediglich in Einträgen im Urban Dictionary (oft zweifelhafte Quellen/Erklärungen) für shitstorm und shit storm oder bei Wiktionary finden sich Definitionen.

Setzen wir mal auf die Definition im Wiktionary:

shitstorm, n.,

  1. (vulgar) A violent situation.
  2. (idiomatic, vulgar) Considerable backlash from the public.

Aber kommen wir kurz zum Deutschen zurück: Für Shitstorm gibt es seit dem 08. Juni 2011 einen Eintrag in der deutschen Wikipedia, der Shitstorm überraschenderweise zu den Scheinanglizismen zählt – vermutlich auch aufgrund des oberflächlich allgemeineren Verwendung/Definition. Scheinanglizismen sind Wörter, die sich zwar lautlich als Entlehnung aus dem Englischen tarnen, die aber entweder dort nicht existieren oder eine nicht-verwandte Bedeutung haben. (Die Wikipedia-Definition zu Scheinanglizismus muss hier mal fix herhalten. Wer Tips für eine gute, interessante wissenschaftliche Studie parat hat, ab in den Kommentarbereich! Wobei ich “Scheinanglizismus” ohnehin eher für ein begriffliches Konstrukt der Sprachkritik halte, das uns sagt, dass wir Anglizismen auch noch “falsch” erfinden. Aber gut, ich schweife ab.)

Shitstorm (dt.) und shitstorm (engl.) haben aber sehr klar miteinander verwandte Bedeutungen. Das, was wir bei Entlehnungen ja sehr oft sehen, nämlich dass wir nur eine von mehreren Bedeutungsschattierungen importieren, ist auch bei Shitstorm passiert (das ist nix neues gegenüber 2010). Also wenn wir davon ausgehen, dass Shitstorm nicht gleich shitstorm ist. Und selbst wenn wir Shitstorm in einem anderen Kontext verwenden, so sind die bildlichen Beziehungen zwischen beiden Konzepten so deutlich zu erkennen, dass ich Shitstorm nicht in einen Topf mit sonst üblicherweise als Scheinanglizismen beispielhaft aufgeführten Handy oder Beamer würde werfen wollen.

Aber shitstorm wird in der englischsprachigen Netzwelt eben doch auch so benutzt, wie bei uns: Das zeigen diese Twittermeldungen der letzten Stunden und Tage aus einem 500km-Radius um New York (Ort willkürlich gewählt, Ortsangabe beruht auf den Biografieangaben der Twitterer):

Thank you Novartis for not recalling percocet and endocet…us pharmers would surely be facing a pharmageddon shitstorm [...] [Link,@_RxLauren]

Interesting article in immigration and economics on #CiF: [...] followed by the usual shitstorm of idiots, unfortunately… [Link, @acatcalledfrank]

People give Tebow crap because of his (well-marketed) Christian beliefs. Imagine the shitstorm if he was vocally agnostic! [Link, @SeanTheBaptiste]

[...] Once the public at large becomes aware of #NDAA, Obama is going to learn what “political shitstorm” means. [Link, @Kaveros]

And it was written by a con! RT @techweenie Prepare for conservative shitstorm@Newsweek: Presenting this week’s cover://t.co/Xlm26rgX #p2 [Link, @thejoshuablog]

Halten wir einfach fest: Shitstorm ist kein Scheinanglizismus. Wir haben eben im ersten Schritt nur die eine Bedeutung eingeführt. Diese scheint sich auszuweiten – Kriterium der Bereicherung für den Sprachgebrauch erfüllt. Die Feststellung der Bedeutung aufgrund der Belegsammlung aus dem Englischen – obgleich in letzter Instanz irrelevant für unseren Sprachgebrauch – zeigt, dass es ein genuiner Anglizsmus ist.

Fazit

Was Shitstorm trotz meiner Skepsis aus dem letzten Jahr in diesem Jahr sogar zu einem recht guten Kandidaten macht: Wir sind offenbar dabei, den Begriff aus den Facebook- und Twitter-Universen rauszuholen und dem allgemeinen Sprachgebrauch zu übergeben – inklusive einer Bedeutungserweiterung. Wie Falk Hedemann bei t3n schreibt, wird der Begriff “inflationär” verwendet – was früher Kritik war, sei heute ein Shitstorm.

Ich sehe das anders: Kritik und Shitstorm mögen gemeinsam auf einem Protestkontinuum liegen; die Ausprägungen, Ausführungsorgane und Übermittlungskanäle sind aber unterschiedlich. Das wird auch daran liegen, dass mit steigenden Nutzerzahlen der sonst stammtischliche (hier: eben nicht aus traditionellen Medien abgefeuerter) Protest in den öffentlichen Raum getragen wird. Shitstorm fügt dem Kontinuum also einen Haltebereich hinzu – und gibt dem bisher ungehörten, aber neuerdings vokalisierbaren Unmut einen Namen.


Blogspektrogramm #8

16. Dezember 2011 von suz

BlogspektrogrammDieses Mal bin ich hier wieder Gastgeberin unseres Sprachblogkarnevals, der letzten Ausgabe für 2011. (Um noch schnell ein sinnloses ‘letzte/r/s X in diesem Jahr’ loszuwerden.) Der Vorweihnachtsentspanntheit von Kleinbloggersdorf ist hiermit also wieder ein interessantes und buntes Allerlei aus der Welt der Sprachblogs hinzugefügt.

Kilian Evang stellt im Texttheater eine Imagekampagne der Stadt Seoul vor: Weil sich die koreanischen Hauptstadt als weltoffene Metropole versteht, haben die Grafiker zum Spiel mit den großen internationalen Schriftsystemen eingeladen: Gastfreundschaft auf Koreanisch – aber in lateinischen, arabischen und japanischen Schriftzeichen – den Hangulimitaten. Kilian zeichnet eine linguistische Analyse des Spiels mit der Schrift nach.

Haben Sie sich schon mal dem Zweifel gegenüber gesehen, ob Sie für die nächtliche Heißhungerattacke die nächste Tankstelle oder die näheste Tankstelle brauchen? Stephan Bopp erklärt den Zweifelsfall – und dass zwar nur ein Ausdruck standardsprachlich als korrekt gilt, warum aber beide Ausdrücke ihre ganz eigene, nicht-synonyme Funktion (und Berechtigung) haben.

Was ist eine lexikalische Lücke? Und wie füllen wir sie? Jaja, meckern über falschen Wortgebrauch, störende Fremdwörter und Oder kann ja jeder. In einer Buchbesprechung zum Thema Wortschatzerweiterungen rezensiert Anatol Stefanowitsch das neue Werk von Sascha Lobo – und zeigt, dass kreative, nicht-nölende Sprachgestaltung informativ, spannend und unterhaltsam sein kann.

Vielleicht bin ich befangen – und auch ein wenig traurig, dass ich dem Einfluss dieser Inspiration nicht beiwohnen durfte: Kristin Kopf stellt im Schplock eine Hinweisschildersammlung vor, die von Mehmet Aydın nach vermutlich sehr lustigen Gruppentherapien für Jung-Linguisten während der letzten StuTS in Göttingen für die Nachwelt festgehalten wurden, natürlich nicht ohne ein kleinere Anspielungen: Caution! This language is under construction!

Etwas weniger sprachlich sieht Michael Mann im lexikographieblog den November und beschäftigt sich mit der Frage, ob, wann und wie Wikipedia zitierfähig ist. Er kommt zum Schluss: zu schön, um falsch zu sein und liefert noch einen lustigen xkcd-Comic nach, der die Frage nach der Zitierfähigkeit der Wikipedia im universitären Kontext aufrollt.

Ich selbst habe im November den ersten Teil einer Reihe veröffentlicht, der sich mit der Frage beschäftigt, ob Muttersprachlerdasein ausreicht, über den Gebrauch und die (Un)Richtigkeit von Lehnwörtern der eigenen Sprache in einer anderen zu urteilen. Frische Beulen im Denglisch-Wahn überführt ein altes Sprachnörglervirus: Wir machen uns vor Mutterspachlern lächerlich. Stay tuned, it’s ongoing.

Anglizismus des Jahres 2011

Anglizismus des Jahres 2011

Und zuguterletzt nochmal der Hinweis auf die Wahl zum Anglizismus des Jahres 2011. Dort wurde in den letzten Wochen die Jury vorgestellt – Kristin Kopf, Michael Mann, Jan Wohlgemuth und the suz. Es sind schon einige Vorschläge eingegangen – das Feld ist dieses Mal recht breit. Weitere Nominierungen können noch bis zum 31. Dezember abgegeben werden; demnächst beginnt die heiße Blogphase zu den Vorschlägen.

Bisher erschienene Ausgaben:
Blogspektrogramm #1 (im Sprachlog)
Blogspektrogramm #2 (im Sprachlog)
Blogspektrogramm #3 (bei */ˈdɪːkæf/)
Blogspektrogramm #4 (im texttheater)
Blogspektrogramm #5 (im [ʃplɔk])
Blogspektrogramm #6 (im Sprachlog)
Blogspektrogramm #7 (im lexikographieblog)


Noch mehr Beulen für Athen

5. Dezember 2011 von suz

Letzte Woche ging’s um Zähne und Beulen - und um die Schlussfolgerung, dass nicht alles, was der Muttersprachler für nicht-existent hält, in seiner Sprache auch tatsächlich nicht-existent ist.

Teil II: LIVE COOKING

In eine ganz ähnliche Kategorie fällt live cooking. Illustriert ist das (von Tonks?) durch einen Cartoon mit einem Kochtopf, aus dem Hände ragen – was angeblich zeigen soll, woran “Engländer [...] bei ‘Live Cooking’ denken”. Mit der Verwendung und der Anwendung von Live Cooking machen wir uns in den Ohren eines Muttersprachlers des Englischen also des Kannibalismus schuldig.

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Frische Beulen im Denglisch-Wahn

30. November 2011 von suz

Die amerikanische Linguistin Gabe Doyle diskutiert in ihrem immer sehr lesenswerten Blog Motivated Grammar in einem Beitrag “Is speaking the language all it takes to be an expert?” die Frage, warum die Tatsache, dass man eine Sprache als Muttersprache spricht, nicht immer ausreichend ist, über den allgemeinen Gebrauch derselben zu sinnieren. Damit spricht sie – vereinfacht gesagt – einen der Gräben an, die zwischen Sprachwissenschaft und öffentlicher Meinung (über Sprache) liegen. Das geht so: A hat zwar muttersprachliche Kompetenz, aber keine Expertise von sprachlichen Prozessen und sagt, dass es Phänomen Y entweder nicht gibt oder falsch ist. Experte B präsentiert Belege für die systematische Verwendung von Phänomen Y.

Robert Tonks ist nach quasi-eigenen Angaben “der älteste Waliser zwischen Rhein und Ruhr”. Ein Brite also, mutmaßlich Muttersprachler des Englischen. Im September hat er ein Buch über Englisch in der deutschen Sprache veröffentlicht (It is not all English what shines). Dort analysiert er englische Werbesprüche im Deutschen, (rück)”übersetzt” diese und macht sich dementsprechend und in der Summe über Deutsche (Werber) lustig.

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Blogspektrogramm #7

18. November 2011 von suz

Blogspektrogramm Nebenan im lexikographieblog ist Michael Mann in diesem Monat der Gastgeber der aktuellen Ausgabe des Blogspektrogramm mit den guten alten bekannten Sprachbloggenden aus dem deutschsprachigen Raum: Lesen Sie im November über Frakturschrift, Sprachkritik, etymologische und fachsprachliche Fehlschlüsse, morphologische Ähnlichkeiten mit semantischen Gegensätzen, die Frage über am lachen oder am Lachen sowie über das deutsche Buchstabieralphabet und Namenshäufigkeiten.

An dieser Stelle auch ein Hinweis auf Michaels nette Ankündigung der Wahl zum Anglizismus des Jahres 2011: “Ein Herz für Denglisch”. Dort zeigt er auf der Grundlage einer GoogleInsights-Suche, dass Denglisch quasi das jahreszeitliche Gegenstück zu Sommerloch ist. Offenbar werden Internetschreiberlinge gegen Ende des Jahres besonders hibbelig, was englisches Lehngut in unserer Sprache angeht.


Bisher erschienene Ausgaben:
Blogspektrogramm #1 (im Sprachlog)
Blogspektrogramm #2 (im Sprachlog)
Blogspektrogramm #3 (bei */ˈdɪːkæf/)
Blogspektrogramm #4 (im texttheater)
Blogspektrogramm #5 (im [ʃplɔk])
Blogspektrogramm #6 (im Sprachlog)


Anglizismus des Jahres 2011

18. November 2011 von suz
Anglizismus des Jahres 2011

Nach dem durchschlagenden Erfolg der letztjährigen Wahl gibt es auch 2011 wieder eine Wahl zum Anglizismus des Jahres. Über die Aktion dieser etwas anderen Jahresendwortwahl wurde sogar im fernen Kanada (CBC) und im noch ferneren Australien (The Age) berichtet. In Deutschland immerhin sehr öffentlichkeitswirksam in… Ach, lesen Sie’s selbst nach!

Und weil neben aller Ernsthaftigkeit, und einer sehr ehrenvollen Aufgabe der Spaß für die Jury natürlich auch ein Kriterium ist, bin ich der erneuten Einladung in die Jury gefolgt. Jetzt rufen wir unsere Leser auf, bis zum 7. Januar 2012 auf der eigens aufgebauten Webseite die Nominierungen für dieses Jahr einzureichen.

Nominierungskriterien wie im letzten Jahr:

  • stammt ganz oder in Teilen aus dem Englischen
  • ist einer breiten Sprachgemeinschaft 2011 ins Bewusstsein gerückt
  • füllt eine lexikalische Lücke im Deutschen.

Bis zum 7. Januar ist noch n büschen hin. Es bleibt zwar ein wenig länger Zeit, als für die Weihnachtsgeschenke, aber:

Auf geht’s!


Deutsch und das Grundgesetz

8. November 2011 von suz

Gestern war’s soweit: Die Petition gegen die Aufnahme von Deutsch ins Grundgesetz wurde vor dem Petitionsausschusses des Bundestages angehört – also genau genommen die Petition gegen die Petition für die Aufnahme von Deutsch ins Grundgesetz. Ergo: Beide Petenten für und wider durften ihre Anliegen vortragen.

Hier gibt es die Diskussion (ca. 60 Minuten, ab 1:00:30) zum Angucken: Petitionsausschuss, 7. November 2011

Ich war live dabei – eine sehr interessante Erfahrung. Und ich glaube nicht, dass es zu hoch gegriffen ist zu sagen, dass das eine doch recht einseitige Angelegenheit war. Der Bundestag schreibt auf seiner Webseite: “Deutsch ins Grundgesetz”-Petition stößt auf Skepsis.

Aber sehen Sie selbst.

*Nein, ich bin nicht zu sehen. Ich sitze hinter dem Videowürfel auf dem Oberrang. Ich habe nicht gewusst, dass eine Stunde nicht ausreicht, mit der BVG von Moabit nach Tiergarten zu kommen (für Nicht-Berliner: Moabit ist ein Teil von Tiergarten; je nach Definition liegt es einfach nur direkt daneben.)