Humor

8. Mai 2012 von suz

Damit hier auf Dauer nicht der Ein­druck ent­steht, Sprach­wis­sen­schaft­le­rIn­nen hät­ten kei­nen Humor und/oder möch­ten nur an Nörg­lern rum­nör­geln, gibt es ab sofort in unre­gel­mä­ßi­ger Abfolge einen Humor­bei­trag. Ges(t)ammeltes Meta.

Heute ging in mei­ner Facebook-Timeline fol­gen­der Witz herum, den Arnold Zwi­cky 1992 in sei­ner „Pre­si­den­tial Adress“ der Lin­gu­is­tic Society of Ame­rica erzählte (zitiert in Gold­berg 2006: 19):

A mathe­ma­ti­cian, a phy­si­cist, an engi­neer, and a lin­gu­ist are try­ing to decide if all odd num­bers are prime. The mathe­ma­ti­cian says, „one’s prime, 3’s prime, 5’s prime, 7’s prime, 9’s not prime, so no.“ The phy­si­cist says, „one’s prime, 3’s prime, 5’s prime, 7’s prime, 9’s not prime, but maybe that’s expe­ri­men­tal error.“ The engi­neer says, „one’s prime, 3’s prime, 5’s prime, 7’s prime, 9’s prime … “

The lin­gu­ist says, „one’s prime, 3’s prime, 5’s prime, 7’s prime. Aha! We have a uni­ver­sal gene­ra­liza­tion. Nine doesn’t seem to be prime, but it MUST be prime at some under­ly­ing level of representation!“

(Inge­nieu­rIn­nen unter Ihnen müs­sen mir aber die Inge­nieu­rin erklären.)

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Gold­berg, Adele. 2006. Con­struc­tions at work. The nature of gene­ra­liza­tion in lan­guage. Oxford.


Du, Sie, Müller’s Vieh

6. Mai 2012 von suz

Nebenan im Sprach­log hat Ana­tol unter dem Ver­dacht der Inhalts­leere die Frage gestellt, was seine Lese­rIn­nen so in wel­chem Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nal sie­zen. Das hat mich drin­gendst daran erin­nert, dass ich seit Jahr und Tag mal was zum ‚Sie­zen im Eng­li­schen‘ schrei­ben wollte.

Das kommt so: Mit zuneh­men­der Dauer ten­diert die Wahr­schein­lich­keit gegen 1, dass jemand in einer Dis­kus­sion zur Anrede im Eng­li­schen behaup­tet, dass im Eng­li­schen „streng genom­men“ nur gesiezt wird: Das „You“ ist kein „Du“, son­dern ein „Sie“, Die Du-Form … ist schon seit 200 Jah­ren aus dem Wort­schatz ver­schwun­den oder Das Eng­li­sche „you“ bedeu­tet nicht „Du“, son­dern ent­spricht eher einer Anre­de­form, die der alt­deut­schen Form „Ihr“ näher­kommt, einem Plu­ral, der Respekt bezeugt.

Obwohl sprach­his­to­risch nicht völ­lig dane­ben, ist die Begrün­dung um und bei immer die Glei­che: Zu grauer Vor­zeit gab es thou für die 2. Per­son Sin­gu­lar und you für die 2. Per­son Plu­ral. Ers­tere (thou.2SG) sei dabei ver­lo­ren gegan­gen und nur you.2PL ist übrig geblie­ben. Ergo: Im Eng­li­schen wird eigent­lich gesiezt.

Das ist aber gleich ein drei­fa­cher Trug­schluss. Der erste Trug­schluss, an des­sen hei­ßen Punk­ten ich mir gar nicht die Fin­ger ver­bren­nen will, ist der, dass die Anre­de­st­ra­te­gien in bei­den Spra­chen irgend­wie eins-zu-eins auf­ein­an­der über­trag­bar wären. Der Trug­schluss beschreibt die Vor­stel­lung, dem deut­schen Sie­zen im Eng­li­schen eine Ent­spre­chung gegen­über­stel­len zu kön­nen. Dass das Unsinn ist, kann jeder bestä­ti­gen, der beide Spra­chen auch prag­ma­tisch ganz gut beherrscht und einem Mono­lin­gua­len die Anre­de­kon­ven­tio­nen der jeweils ande­ren Spra­che erklä­ren möchte. Natür­lich könnte man argu­men­tie­ren, dass man an der Ver­wen­dung von Vor­na­men oder Nach­na­men eine gewisse Duzen-Siezen-Äquivalenz erken­nen kann. Das Pro­blem ist aber deut­lich zu viel­schich­tig und ich möchte mich hier nicht im Dickicht ver­hed­dern, das ver­sucht, ein zwei­di­men­sio­na­les mor­pho­syn­tak­ti­sches Para­digma ein­deu­tig auf ein min­des­tens vier­di­men­sio­na­les Sys­tem von Dis­tanz, Respekt, Kon­text und sozio­kul­tu­rel­len Nor­men anzu­wen­den. Darum soll’s mir hier nicht gehen.

Der zweite Trug­schluss ist mor­pho­syn­tak­ti­scher Natur. Rich­tig ist zunächst, dass for­mal nicht zwi­schen you.2SG+V und you.2PL+V unter­schie­den wer­den kann. Das ist jetzt natür­lich wenig erstaun­lich, denn die ein­zige Prä­sens­ver­bal­fle­xion des Eng­li­schen fin­det sich in der 3. Per­son Sin­gu­lar Indi­ka­tiv (zumin­dest in der Stan­dard­va­rie­tät und mit Aus­nahme von {BE}).

Die­ser Trug­schluss sug­ge­riert aber, dass im Eng­li­schen die Zeile ‚2SG‘ leer ist, was natür­lich nicht stim­men kann (mehr dazu spä­ter). Wenn wir jetzt mal die sozio­lin­gu­is­ti­sche Siezen-Duzen-Unterscheidung weg­las­sen, gibt es auch im Eng­li­schen die seman­ti­sche Unter­schei­dung you ‚du‘ und you ‚ihr‘ - you ist da im Ver­gleich zum Deut­schen ambig; aber immerhin.

1SG I am ich bin
2SG you are du bist
3SG he/she/it is er/sie/es ist
1PL we are wir sind
2PL you are ihr seid
3PL they are sie sind

(Wenn wir’s also wirk­lich streng neh­men wür­den, ist Sie­zen schon allein des­halb Unfug, weil you.PL natür­lich ‚ihr‘ ent­spricht. Aber sind wir mal nicht so.)

Was ver­lo­ren gegan­gen ist, ist die gram­ma­ti­sche Unter­schei­dung von 2SG und 2PL, nicht eine 2SG-Form an sich. Die fol­gende Dar­stel­lung der his­to­ri­schen Ent­wick­lung ist stark ver­ein­facht, nicht­zu­letzt, weil nur die Nominativ-Formen ange­ge­ben sind und hier noch der Dual aus dem Alteng­li­schen aus­ge­klam­mert ist (Smith 1999: 77, 113, 146):

AE ME FNE ModE ModE (dialektal/
kontextuell)
2SG.NOM þu thou thou you you/thou (arch.)
2PL.NOM ge ye ye/you you yous(e)/yiz/yez

An die­ser kur­zen Über­sicht ist rela­tiv klar erkenn­bar, dass you [ju:] die ‚Wei­ter­ent­wick­lung‘ des 2PL-Pronomens ist und der Bruch beim 2SG-Pronomen im Früh­neu­eng­li­schen (FNE) liegt. Die Erklä­rung geht so: <g> wurde im Alteng­li­schen (AE) prä­vo­ka­lisch [j] aus­ge­spro­chen und <þ> als [ð], wie im heu­ti­gen they. Aber es bedeu­tet eben nicht, dass die 2SG-Form an sich ver­schwun­den ist - die ältere Form thou wurde nach einer ziem­lich kom­ple­xen Varia­tion im thou/you-Kos­mos von you ver­drängt, wel­che dabei vom Plural-Kontext auf den Singular-Kontext aus­ge­wei­tet wurde und die Funk­tion you.2SG ‚du‘ über­nahm. Die Gründe dafür fin­den sich vor allem im sti­lis­ti­schen und sozi­o­prag­ma­ti­schen Bereich (Busse 2002). Die ganze Geschichte ist in Wahr­heit z.B. in Ver­bin­dung mit dem vor­an­ge­gan­ge­nen Kasu­s­ab­bau sehr viel kom­ple­xer, aber für den Moment soll das reichen.

Hier kön­nen wir ein Kon­zept aus der Sozi­lin­gu­is­tik ins Spiel brin­gen, die soge­nannte T-/V-Unterscheidung (Brown & Gil­man 1960). Anders aus­ge­drückt: thou hat frü­her nicht nur eine Nume­rus­un­ter­schei­dung ermög­licht (2SG), son­dern auch als T-Pronomen fun­giert (von lat. tu ‚du‘), you/ye dage­gen als V-Pronomen (von lat. vos ‚ihr/Sie‘). So gab es ein Hono­ri­fi­kum, mit dem man auch nur eine Per­son anspre­chen konnte, also zusätz­lich zu du/ihr auch eine ent­spre­chende du/Sie-Unter­schei­dung tref­fen konnte - die soge­nannte T-/V-Unterscheidung. Diese Unter­schei­dung exis­tiert im heu­ti­gen Eng­lisch aber nicht mehr - und you erfüllt als you.2SG die Funk­tion ‚eine mir gegen­über­ste­hende Per­son‘ und als you.2PLzwei oder meh­rere mir gegen­über­ste­hende Personen‘.

Wenn jetzt also jemand sagt, im eng­lisch­spra­chi­gen Raum wird „eigent­lich“ gesietzt, der sagt damit ja, dass die Kate­go­rie 2SG unge­nutzt dastünde (s.o.). Dass das nicht rich­tig ist, zeigt sich ers­tens in der Nume­rus­un­ter­schei­dung der Refle­xiv­pro­no­mina, wo your­self.2SG und your­sel­ves.2PL klar die Exis­tenz der Nume­rus­ka­te­go­rie bele­gen. Zwei­tens tritt you.2PL dia­lek­tal, kon­text­ab­hän­gig und umgangs­sprach­lich als yous(e)/yez/yiz.2PL auf und ermög­licht so eine Disam­bi­gu­ie­rung von you.SG und you.PL. Wenig über­ra­schend fin­den sich alle Belege für yous(e), youz(e), yiz, oder yez im BNC dem­ent­spre­chend in den Gen­res der gespro­che­nen Spra­che wie ‚Fic­tion‘, ‚Oral History‘, ‚Inter­view‘ oder ‚Conversation‘.

Iro­ni­scher­weise ist eine mög­li­che Erklä­rung für das Ver­schwin­den des thou.2SG aus dem Pro­no­mi­nal­pa­ra­digma der Stan­dard­spra­che, dass man zu Shake­speares Zei­ten you.2PL (damals V-Form) in einer Höf­lich­keits­spi­rale auch für Anre­den nutzte, für die man bis dahin die T-Form thou nutzte. Die Iro­nie dabei ist, dass thou jetzt archa­isch ist und abge­se­hen von weni­gen Dia­lekt­ver­wen­dun­gen heute auf reli­giöse und erz­kon­ser­va­tive Kon­texte beschränkt ist: Thou, my Lord! ‚Du, mein Gott‘, also gewis­ser­ma­ßen jetzt eine höhere For­ma­li­tät auf­wei­sen. Der Pro­zess in der Stan­dard­spra­che war aber um 1700 abge­schlos­sen, you der unmar­kierte Fall für die all­ge­meine Anrede und die syn­tak­ti­sche V-/T-Unterscheidung somit weg­ge­fal­len (Busse 2002: 3, OED).

Der dritte Trug­schluss ist des­halb ety­mo­lo­gisch. Nur weil etwas irgend­wann (hier: so vor, hm, 300-400 Jah­ren) mal so und so war, heißt das nicht, dass es noch so ist bzw. dass es noch so sein sollte. Heute wird gibt es im Eng­li­schen keine gram­ma­ti­sche V-/T-Unterscheidung. Selbst die dia­lek­tale Ver­wen­dung von thou ist auf einen sehr intimen-familiären Kon­text beschränkt. Wenn, dann wer­den Dis­tanz, Respekt oder sons­tige Hier­ar­chie­un­gleich­hei­ten auf andere Weise aus­ge­drückt. Aber gesiezt wird hier bestimmt niemand.

(Genauso däm­lich ist es umge­kehrt zu behaup­ten, im Eng­li­schen gäbe es kein Sie. Soll­ten Sie das aus mei­nen Zei­len lesen oder gele­sen haben, gehen Sie zurück zu Trug­schluss 1 und 2.)

Ach so ja: Die Groß­schrei­bung der Anrede Sie im Deut­schen ist irgend­wie auch nur eine schrift­sprach­li­che Kon­ven­tion, die zum Bei­spiel das straf­recht­li­ches Bezie­hungs­ge­flecht bei ich wurde von Ihnen/ihnen kran­ken­haus­reif geschla­gen disam­bi­gu­iert. Hände hoch, wer beim sie­zen an eine abwe­sende dritte Per­son im Plu­ral denkt? Mor­pho­syn­tak­tisch nut­zen wir im Deut­schen für die Höf­lich­keits­an­rede die 3.PL, was sprach­ty­po­lo­gisch übri­gens sehr unge­wöhn­lich ist (Helm­brecht 2005, 2011). Den­kense mal drü­ber nach, bevor Sie behaup­ten, im Eng­li­schen wird gesiezt: What did They do yes­ter­day? und Ihren gegen­über mei­nen.

Wie würde das denn klin­gen, wenn Sie eine Duz­be­kannt­schaft auf Eng­lisch mal übel beschimp­fen möchten?

Fuck thou?

PS: Also, Ana­tol, wie du siehst, sieze ich im Blog. Es lässt sich im Zwei­fels­fall leich­ter beleidigen.

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Brown, Roger & Albert Gil­man. 1960. The pro­no­uns of soli­da­rity and power. In: Sebeok, Tho­mas [ed]. Style in Lan­guage. MIT Press: 253-276.

Busse, Ulrich. 2002. Lin­gu­is­tic varia­tion in the Shake­speare cor­pus - morpho-syntactic varia­bi­lity of second per­son pro­no­uns. Ben­ja­mins.

Helm­brecht, Johan­nes. 2006. Typo­lo­gie und Dif­fu­sion von Höf­lich­keits­pro­no­mina in Europa. Folia Lin­gu­is­tica 39(3-4): 417-452. [Link zu einer frei ver­füg­ba­ren Ver­sion von 2005, Arbeits­pa­piere des Semi­nars für Sprach­wis­sen­schaft der Uni­ver­si­tät Erfurt (18).]

Helm­brecht, Johan­nes. 2011. Poli­ten­ess Dis­tinc­tions in Pro­no­uns. In: Dryer, Matthew S. & Mar­tin Has­pel­math [eds]. The World Atlas of Lan­guage Struc­tures Online. Max Planck Digi­tal Library, chap­ter 45. [Link] (06. Mai 2012).

Smith, Jeremy J. 1999. Essen­ti­als of Early English. Rout­ledge.


Blogspektrogramme #10, #11, #12

6. Mai 2012 von suz

BlogspektrogrammSo, die letz­ten drei Monate waren ganz viele Dinge sehr, sehr wich­tig - und das ver­hält sich manch­mal eben umge­kehrt pro­por­tio­nal zur Wich­tig­keit des Blog­gens. Eigent­lich wollte ich was vom Schwung und der Publi­ka­ti­ons­fre­quenz der AdJ-Beiträge mit­neh­men. Sei’s drum, die Blog­spek­tro­gramme kom­men der­zeit auch sehr gut ohne mich aus, wie die Qua­li­tät der Aus­ga­ben 10, 11 und 12 beweisen:

In der #10 bei Kris­tin haben wir auf Micha­els Vor­schlag hin eine Neue­rung ein­ge­führt: Die Blog­ge­rIn­nen über­neh­men für einen lin­gu­is­ti­schen Bei­trag quasi eine Paten­schaft - Inter­es­san­tes, Kon­tro­ver­ses, Lus­ti­ges aus der Welt der Spra­che und der Sprach­wis­sen­schaft. (Ach so ja, stimmt, da war ich noch dabei…)

In der #11 bei Michael begrü­ßen wir einen neuen Blog­ger in unse­rer Runde - mit Dirk Mül­ler vom Blog interkorrektor.de kommt eine Per­spek­tive aus der „Rea­li­tät“ bei uns an - Dirk Mül­ler ist, wie sein Blo­gname schon sagt, vor allem als Prak­ti­ker tätig. In der dor­ti­gen Februar-Ausgabe war ich schon nicht mehr dabei - mein Gefühl sagte mir, dass jetzt auch mal gut ist mit AdJ-Beiträgen. Zur dama­li­gen Zeit war der Shits­torm ja noch in, ähem, aller Munde.

Für Aus­gabe #12 waren wir wie­der bei Kris­tin. Aus­gabe #13 gibt es dem­nächst bei Kilian.

Und spä­tes­tens bei #14 bin ich wie­der dabei, ver­spro­chen, liebe Runde!

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Bis­her erschie­nene Aus­ga­ben:
Blog­spek­tro­gramm #1 (im Sprach­log)
Blog­spek­tro­gramm #2 (im Sprach­log)
Blog­spek­tro­gramm #3 (bei */ˈdɪːkæf/)
Blog­spek­tro­gramm #4 (im text­thea­ter)
Blog­spek­tro­gramm #5 (im [ʃplɔk])
Blog­spek­tro­gramm #6 (im Sprach­log)
Blog­spek­tro­gramm #7 (im lexi­ko­gra­phieb­log)
Blog­spek­tro­gramm #8 (bei */ˈdɪːkæf/)
Blog­spek­tro­gramm #9 (im texttheater)


[AdJ 2011] Publikumsabstimmung

4. Februar 2012 von suz

So, wäh­rend sich die Jury zu Bera­tun­gen in ein Schwei­zer Cha­let zurück­zieht, sind unsere Leser/-innen zur Publi­kums­wahl ein­ge­la­den. Die Abstim­mung läuft bis zum 11. Februar und es kann mehr­fach abge­stimmt werden.

Wer für die große Ver­ant­wor­tung seine Stimme noch absi­chern möchte, kann sich hier über die Kan­di­da­ten infor­mie­ren - wir haben es die­ses Jahr tat­säch­lich geschafft, alle Nomi­nie­run­gen der 2. Runde unter die Lupe zu nehmen.

Viel Spaß, es bleibt spannend!


[AdJ 2011] Der Kreisläufer: circlen

3. Februar 2012 von suz

Für die­sen Kan­di­da­ten eigne ich mich viel­leicht ganz gut: Ich habe zwar ein Konto bei Google+, weil ich nach aus­blei­ben­den Ein­la­dun­gen ganz stolz war, dass ich mich selbst anmel­den konnte. Ich bin aber in kei­nem seine oder ihre Kreise, habe noch nie­man­den ein­ge­kreist (haka!) und nutze Google+ nur dann zur kurz­fris­ti­gen Egopf­lege, wenn ein Link auf meine Seite geht. Ich bin also irgend­wie unvor­ein­ge­nom­men, was cir­clen angeht - in die eine, wie in die andere Rich­tung. Dafür müs­sen Sie mir im Umkehr­schluss die eine oder andere Unge­nau­ig­keit zu tech­ni­schen Funk­tio­nen bei Google+ nach­se­hen, ja?

Die Nomi­nie­rung für cir­clen kommt von Han­nes:

Ich schlage „cir­clen” vor. Es umschreibt das “ein­krei­sen” einer Per­son in einen vir­tu­el­len Per­so­nen­kreis auf Google+ – http://www.plus.google.com. Damit reiht es sich her­vor­ra­gend in die bereits seit Jah­ren übli­che Ver­wen­dung von anglo-amerikanischen Web2.0-Begriffen, wie z.B. “liken” oder “sharen”.

(ver­wen­det in vie­len Blogs und Bei­trä­gen in und um G+, z.B. hier.)

impala sieht die Nomi­nie­rung skep­tisch und meint:

cir­clen habe ich noch nie gehört und ich habe sogar einen Account bei google+. Eine kurze Google-Recherche bestä­tigt mei­nen Ver­dacht, dass das Wort so gut wie nicht gebraucht wird.

Dass alle Nomi­nie­run­gen mehr oder weni­ger vom Risiko des „kenn ich nicht!“ bedroht sind, liegt in der Natur der Sache, den Nomi­nie­rungs­kri­te­rien und einer gewis­sen nicht-gesehenen Sub­jek­ti­vi­tät. So ant­wor­tet Jan dementsprechend:

Ich benutze das Wort cir­clen und lese es auch häufig.

Das inspi­rierte impala wie­derum zu einer Suche:

Wenn Sie via Google auf deut­schen Web­sei­ten nach dem Wort cir­clen suchen, erhal­ten Sie unge­fähr 5.120 Ergeb­nisse, wovon einige auch Datei­na­men wie “cir­cleN” sind. Die tat­säch­li­che Zahl ist also nied­ri­ger. Natür­lich schließt diese Suche Fle­xi­ons­for­men des Wor­tes aus, aber selbst wenn man nach die­sen sucht und sie mit lea­ken oder liken ver­gleicht, wird deut­lich, dass das Wort kaum Ein­gang in den all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch gefun­den hat:

lea­ken: ca. 99.000
liken: ca. 1.350.000 (hier sind aller­dings viele Wör­ter­buch­ein­träge mit­ge­zählt sowie Eigen­na­men etc.)
cir­clen: ca. 5.120

gele­akt (oder in Mischor­tho­gra­phie geleaked): 458.000 (354.000)
gelikt (oder in Mischor­tho­gra­phie geli­ked): 6.550 (109.000)
gecir­celt (oder gecir­clet oder gecir­cled): 1.170 (320; 494)

Die Zah­len spre­chen glaube ich für sich.

Tun sie das?

Nein. Aber begin­nen wir am Anfang.

Das Wort

cir­clen im Deut­schen ist ein Lehn­verb und eine Ein­bür­ge­rung von to cir­cle auf Google+-Basis. Es bezeich­net in die­sem Netz­werk das Hin­zu­fü­gen einer ande­ren Per­son zu den eige­nen „Krei­sen“ (engl. cir­cles), wel­che man the­ma­tisch, also etwa nach Freun­den, Geschäfts­part­nern, Kol­le­gen oder wie auch immer anord­nen kann. Im Unter­schied zu Face­book muss die­ses Hin­zu­fü­gen nicht auf Gegen­sei­tig­keit beru­hen (Face­book ver­folgt seit­her ja eine ähnli­che Stra­te­gie mit einer Timeline-ähnlichen Funk­tion, sub­scribe). Dann kann man seine Inhalte nur für bestimmte Kreise sicht­bar machen. Fast wie im ech­ten Leben, also wenn man an so Sprü­che denke wie in gewis­sen Krei­sen spricht man schon über

Cir­celn (v.) ist also eine Deri­va­tion von Cir­cles (n.) - im Eng­li­schen war’s eine Kon­ver­sion: cir­cle > to cir­cle. Wo kommt’s her? Das hab ich mich natür­lich gefragt - und hab mal wie­der beim OED vor­bei­ge­se­hen, weil ich wis­sen wollte, ob die Bedeu­tung von „in gewis­sen Krei­sen“ auch im Eng­li­schen von cir­cle (n.) abge­deckt ist. Das könnte hier aber ähnlich unüber­sicht­lich wer­den, wie bei mas­ter. Offen­bar eig­net sich die Kreis-Metapher für sehr, sehr viel ver­sprach­lich­bare Wahr­neh­mung. Um die Geschichte abzu­kür­zen - ja, tut es:

21.a.
A num­ber of per­sons united by acquain­tance, com­mon sen­ti­ments, inte­rests, etc.; a ‘set’ or cote­rie; a class or divi­sion of society, con­sis­ting of per­sons who asso­ciate together.

[Eine Gruppe von Per­so­nen, die durch Bekannt­schaft, gemein­same Ansich­ten, Inter­es­sen etc. ver­bun­den ist, ‚[Kreise]‘ oder Seil­schaf­ten, eine gesell­schaft­li­che Klasse oder Ein­heit, die zusam­men gehört.]

Der Ursprung wird hier sowohl mit ger­ma­nisch ange­ge­ben, von cir­cul (Alteng­lisch, Astro­no­mie), als auch mit lateinisch-romanisch, cir­cu­lus (lat.) und cer­cle (fr.). Bei uns gibt es das Kognat als zir­kil schon im Alt­hoch­deut­schen im 9. Jahr­hun­dert als Instru­ment fürs Kreis­ma­len. Die Bedeu­tung des Per­so­nen­krei­ses war im 18. Jahr­hun­dert bei uns gar ein Gal­li­zis­mus (für alles: Ety­mo­lo­gie­ein­trag im DWDS, Zir­kel, nach Pfeifer):

Die Bedeu­tung ‘zu Gesel­lig­keit oder zur Wahr­neh­mung gemein­sa­mer Inter­es­sen sich ver­sam­melnde Men­schen­gruppe’ (1. Hälfte 18. Jh.) steht unter dem Ein­fluß von frz. cer­cle ‘in einem Salon ver­sam­melte Per­so­nen, Klub, Ver­ei­ni­gung Gleich­ge­sinn­ter’ (zunächst ‘um den König oder die Köni­gin ver­sam­mel­ter Kreis von Ver­trau­ten’, aus lat. cir­cu­lus im Sinne von ‘Per­so­nen­kreis, Gruppe’), das selbst Ende des 18. Jhs. in der Form Cer­cle über­nom­men und zeit­wei­lig (bis ins 19. Jh.) neben Zir­kel gebraucht wird. Die­ses lebt in neu­es­ter Zeit vor allem als ‘Kreis von Ler­nen­den, Lehr­gang, Kur­sus’ (19. Jh.) weiter.

Aus­gang die­ser Über­le­gun­gen und des Exkur­ses war näm­lich die Tat­sa­che, dass ich Cir­cel in genau die­ser Schreib­weise und in der Bedeu­tung ‚gesell­schaft­li­cher Kreise‘ im Zei­tungs­kor­pus (bei Cosmas II) aus dem Jahr 1996 fand, als ich nach circ*suchte:

Tat­säch­lich fand die UNO-Menschenrechtsbeauftragte für Bos­nien, die frü­here fin­ni­sche Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Eli­sa­beth Rehn, ges­tern in Wie­ner Cir­celn auf­fal­lend mode­rate Ver­tei­di­gungs­worte für die Ser­ben[.] (Ober­ös­ter­rei­chi­sche Nach­rich­ten, X96/JUL.12685)

Aber jetzt scheint man in gewis­sen Cir­celn unse­res Außen­mi­nis­te­ri­ums so arro­gant zu sein, daß man die Tiro­ler Lan­des­po­li­tik, die bis­her letzt­lich, zumin­dest was Süd­ti­rol betrifft, mit der Außen­po­li­tik des Bun­des überein­stimmte, ver­höh­nen darf, indem man ein­fach auf die Schutz­macht­funk­tion unse­rer Repu­blik für Süd­ti­rol ver­zich­tet (oder ver­gißt?). (Die Presse, P96/MAR.12830)

Ins­ge­samt gibt es drei Belege aus den Ober­ös­ter­rei­chi­schen Nach­rich­ten und den einen aus Die Presse, was mich zu der Annahme ver­lei­tete, es han­dele sich um einen Aus­tria­zis­mus, aber ver­mut­lich nur in der Schreib­weise. Belege aus der deut­schen Presse sind zahl­reich, nur eben mit Zirkel(n), ein Beleg soll mal genü­gen (z.B. aus dem Kern­kor­pus, DWDS):

Das ius san­gui­nis, das Abstam­mungs­prin­zip, war kein Code­wort eli­tä­rer Zir­kel, es offen­barte sich lang­fris­tig auch in (fast) jeder Zei­tung. (27.09.1996, Die Zeit)

So, jetzt sind wir beim Verb. Da ist es natür­lich etwas kom­pli­zier­ter - das ‚direkte‘ Kognat von to cir­cle, zir­keln beschränkt sich über­wie­gend auf:

zir­keln Vb. ‘mit dem Zir­kel zeich­nen, abmes­sen’ (älter auch ‘krei­sen, sich dre­hen’), über­tra­gen ‘mit Sorg­falt und Genau­ig­keit abmes­sen, ent­wer­fen, aus­ar­bei­ten’, mhd. zir­keln ‘mit dem Zir­kel mes­sen, nach dem Zir­kel­maß ver­fer­ti­gen’ (spätmhd. auch ‘als Wache die Runde machen’);  (DWDS, Zir­kel)

Man kennt zir­keln ja noch aus dem Fuß­ball­sprech: Er zir­kelt den Frei­stoß um die Mauer, in sowas wie gezir­kelte Spitz­fin­dig­kei­ten (DWDS) oder vom Zir­kel­trai­ning (als Nomen). Die direkte Ver­bin­dung zu (ein)kreisen, dem ‚erwei­ter­ten‘ Kognat von to (en)circle, ist es also nicht. Oder anders: wir dif­fe­ren­zie­ren an die­ser Stelle. Aber die ganze seman­ti­sche Ver­bin­dung ist natür­lich gege­ben mit die­sen gan­zen Krei­sen überall.

Wem noch nicht schwind­lig ist: cir­clen kommt zu uns und bringt also prak­ti­sch­wer­weise Dif­fe­ren­zie­rungs­po­ten­tial mit. Anders als bei den meis­ten bis­he­ri­gen Kan­di­da­ten, die hier bei mir dis­ku­tiert wur­den, eig­net sich cir­celn her­vor­a­gend dazu, das abzu­de­cken, was weder die Kognate krei­sen, ein­krei­sen und schon gar nicht zir­keln leis­ten kön­nen. Zwar kam auch erst mit Google+ das Kon­zept von „mei­nen Krei­sen im Netz“ wirk­lich defi­niert und tech­nisch kon­zen­triert auf den Bild­schirm oder war vor­her je nach Netz­werk mit adden oder fri­en­den dem Netz­werk ent­spre­chend gut abge­deckt - aber ich würde mal sagen: Kri­te­rium erfüllt. Und anders als Kris­tin für adden fest­ge­stellt hat („hat 2011 nichts Beson­de­res geleis­tet“), hat cir­clen ein­fach die Gnade der 2011er-Geburt.

Die Aktua­li­tät

Google+ star­tete im Juni 2011. Ende der Durchsage.

Die Ver­brei­tung und Integration

So, zum Schluss kom­men wir zum Kri­tik­punkt der man­geln­den Ver­brei­tung zurück, den AdJ-Leser/-in impala geäu­ßert hatte: Das Wort sei zu sel­ten. Ich denke, hier müs­sen wir aber cir­clen gegen­über fair bleiben.

Die nak­ten Zah­len, die impala anführt, sagen näm­lich ledig­lich erst­mal, dass lea­ken bzw. Wiki­leaks - obächtle! - wei­tere Kreise gezo­gen hat und lea­ken natür­lich viel all­ge­mei­ner auf meh­rere Kon­texte anwend­bar ist. Außer­dem sollte man nicht ver­ges­sen, dass cir­clen bis­her nur ein hal­bes Jahr Zeit hatte, sich zu eta­blie­ren - wenn man dann noch die Such­an­frage für lea­ken und seine flek­tier­ten For­men auf 2010 beschränkt, wer­den auch dort die Ergeb­nis­zah­len gerin­ger. Natür­lich ist es rich­tig, dass gecirclet/-d nicht auf ähnli­che Zah­len kom­men kann, wie lea­ken. Das hat auch noch einen Anwen­dungs­grund: Bei Wiki­leaks ging es näm­lich um das Lea­ken an sich, bei Google+ aber nicht ums cir­clen, son­dern mehr um die Poten­tiale des neuen Netzwerks.

Trotz die­ser Über­le­gun­gen: die Zah­len sind gar nicht so mau, wie impala sie gefun­den hat. Er/sie schreibt, dass die Tref­fer „auf deut­schen Web­sei­ten“ gefun­den wur­den, ver­mut­lich mit der Anfrage site:de. Das ist aber womög­lich der fal­sche Ansatz. Unter der Annahme, dass gecircelt/gecirclet/gecirceld/gecircled mor­pho­lo­gisch durch das Par­ti­zip Prä­fix ge- recht zuver­läs­sig auf eine deutsch­spra­chige Text­um­ge­bung hin­weist, wei­ten wir die Suche auf alles von Google aus. Und siehe da: Allein auf der ers­ten Ergeb­nis­seite kamen bei drei Stich­pro­ben in ver­schie­de­nen Schreib­wei­sen etwa 8 von 10 Tref­fern von ande­ren Top­le­vel­do­mains (.fm, .com), davon meist gut die Hälfte direkt aus Google+ selbst (.com).

Die Nie­der­län­der kom­men uns mit einer ähnli­chen Mor­pho­lo­gie in die Quere (stich­pro­ben­ar­tig über­prüft für eine .nl-Suche z.B. 4 Tref­fer für gecir­celt und 39 für gecir­cled). Das ist natür­lich die Apfel-Birnen-Saga, zeigt uns aber, dass nie­der­län­di­sche Tref­fer nicht aus­rei­chend aus den .com-Treffern raus­ge­fil­tert wer­den kön­nen. Aber für einen Ein­blick in die Häu­fig­keit und Ver­brei­tung von cir­clen muss es halt schlicht rei­chen (Trust Google sear­ches with a pinch of salt). Eine all­ge­meine Anfrage und eine mit den flek­tier­ten For­men löst übri­gens auch das Pro­blem der Gra­fi­ken­dung cir­leN, das zumin­dest so häu­fig oder beliebt zu sein scheint, dass sie schon die ers­ten Tref­fer­sei­ten verdünnt.

So kom­men wir auf fol­gende Nähe­rungs­werte (Gesamt-Google, gesam­ter Zeitraum):

  • gecir­celt: 9,030
  • gecir­cled: 4,890
  • gecir­celd: 1,130
  • gecir­clet: 400

Nähe­rungs­er­geb­nisse für circlen/circeln (hier aber site:de, 28.06.-31.12.2011):

  • cir­clen: 15,300
  • cir­celn: 61

Hier sind wie immer die abso­lu­ten Zah­len nicht so ent­schei­dend, son­dern die Ver­hält­nisse zwi­schen den Vari­an­ten. Und da zeigt sich mei­ner Mei­nung nach enorm Erstaun­li­ches: der Infi­ni­tiv ist ortho­gra­fisch ein­deu­tig die eng­li­sche Vari­ante cir­clen. Beim Par­ti­zip kris­tal­li­sie­ren sich bei vier mög­li­chen zwei mehr oder weni­ger kon­kur­renz­freu­dige Alter­na­ti­ven her­aus: gecir­celt und gecir­cled. Dabei ist gecir­celt gleich dop­pelt ein­ge­bür­gert (-el und -t), gecir­cled behält die nativ-englische Schrei­bung für -le und das eng­li­sche Par­ti­zip­mor­phem -d. Also: Inte­gra­tion ganz oder gar nicht! Der­zeit liegt hier die deut­sche Ortho­gra­fie vorn, die sich ver­mut­lich auch noch wei­ter eta­blie­ren wird. Was im Ver­gleich dazu aber erstaun­lich ist, ist die deut­li­che Prä­fe­renz für den ortho­gra­fi­schen eng­li­schen Infi­ni­tiv. Will sich jemand an einer Erklä­rung versuchen?

(Das Pro­blem ist aber all­ge­mein, dass bei den Par­ti­zi­pien für den Zeit­raum seit der Grün­dung von Google+ bis Jah­res­ende z.B. für gecir­celt gar keine Ergeb­nisse auf­ge­wor­fen wer­den (?!?), mir uner­klär­lich. Man darf also die Infinitiv-Gruppe nicht mit der Partizip-Gruppe ver­glei­chen, da sie sich auf andere Zeit­räume bezie­hen und mit unter­schied­li­chen Ein­schrän­kun­gen auf Top­le­vel­do­mains gefun­den wur­den. Ver­glei­che sind also nur inner­halb der Grup­pen „mög­lich“. Für den Rest ver­stehe ich Google­su­chen manch­mal eh nicht.)

Fazit

Ist aus­sichts­reich dabei, defi­ni­tiv. Auch wenn ich Google+ bis­her fast nur von But­tons auf Sei­ten kenne. Ich finde die Re-Re-Integration der ent­fern­ten und ent­frem­de­ten Ver­wandt­schaft ohne­hin fas­zi­nie­rend (die Kognatskreisläufe sind so toll!). Zwar ist cir­clen ver­mut­lich solange auf Google+-Kontexte beschränkt, wie nur Google+ mit sol­chen Krei­sen ope­riert. Aber ich finde die Mög­lich­keit der Abbil­dung des gesell­schaft­li­chen Kon­strukts der Kreise auf die Onli­ne­welt fas­zi­nie­rend, auch sprach­lich - und sie hat Poten­tial. Mit cir­clen haben wir dafür also ein Wort über­nom­men, was ganz aus­ge­zeich­net dif­fe­ren­ziert - denn mal ehr­lich: Wür­den Sie Ihre Freunde wirk­lich ein­krei­sen wollen?


[AdJ 2011] Content farmen auf Contentfarmen

2. Februar 2012 von suz

Die Nomi­nie­rung von Con­tent­farm ging von Lese­rin Simone ein:

Ich möchte “Con­tent­farm” nominieren.

Nomi­ner­tes Wort: Con­tent­farm (auch Content-Farm oder Con­tent Farm)
Beleg: z.B. http://www.zeit.de/digital/internet/2011-03/google-algorithmus
Begrün­dung: Das Wort ist mir in die­sem Jahr ers­ten Mal auf­ge­fal­len Ich habe auch einige ältere Bei­spiele gefun­den, aber ich meine, häu­fi­ger ist es erst durch die Berichte über den Ver­kauf von Huf­fing­ton Post an AOL und durch Googles neuen Algo­rith­mus gewor­den. Es ist ein Wort, das den schwin­den­den Stel­len­wert von Tex­ten und Krea­ti­vi­tät im Inter­net deut­lich macht.

Nun denn.

Das Wort

Con­tent­farm (auch in der Schrei­bung Con­tent Farm oder Content-Farm, wie Simone bereits ange­merkt hat), ist ein hunds­ge­wöhn­li­ches Kom­po­si­tum mit meta­pho­ri­schem Gusto - der Kopf, farm, bezeich­net im pro­to­ty­pi­schen Sinn einen land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ti­ons­be­trieb, streit­ba­rer­weise ist damit meist einer außer­halb Deutsch­lands gemeint. (das legen die ers­ten 50 Tref­fer einer schnel­len KWIC*-Suche im DWDS nahe). Der Modi­fi­ka­tor Con­tent wird vom Duden so defi­niert: „qua­li­fi­zier­ter Inhalt, Infor­ma­ti­ons­ge­halt beson­ders von Websites“.

Also davon abge­se­hen, dass mir nicht völ­lig klar ist, was der Duden mit „qua­li­fi­zier­tem Inhalt“ meint, bezeich­net Con­tent also recht breit den Inhalt im digi­ta­len Raum mit einem Fokus auf Infor­ma­tion, also weni­ger soziale Kom­mu­ni­ka­tion in Foren oder Netz­wer­ken. Für einen so all­ge­mein genutz­ten Begriff wie Con­tent hat der Duden mit sechs Wör­tern aber ganz gute Arbeit geleis­tet. Dort, wo sol­che Infor­ma­ti­ons­in­halte wie am Fließ­band pro­du­ziert wer­den, haben wir eine Con­tent­farm: eine Bezeich­nung für Web­dienste, die in beson­de­rem Maße Inhalt zur Ver­fü­gung stel­len (also, hm, ‚anbauen‘ im über­tra­ge­nen Sinne). Die Frage wäre jetzt nur, wel­che Art Inhalt da pro­du­ziert wird: Denn nicht jede Seite, jede Zei­tung oder jedes Infor­ma­ti­ons­por­tal ist eine Con­tent­farm.

Nun ist es rich­tig, dass Inhalts­bau­ern­hof irgend­wie schon reich­lich dane­ben lie­gen würde - weil Con­tent im deut­schen Web-Jargon längst ange­kom­men ist (steht ja schon im Duden). Als Con­tent­farm wer­den beson­ders die Ange­bote bezeich­net, die zur Gene­rie­rung von Sei­ten­auf­ru­fen rela­tiv gehalt­lose Texte pro­du­zie­ren, die beson­ders viele Schlag­wör­ter zu einem Thema ent­hal­ten. Das ist grund­sätz­lich ein gän­gi­ges Vor­ge­hen, um die eige­nen kom­mer­zi­el­len Web­an­ge­bote in Such­ma­schi­nen bes­ser zu plat­zie­ren. Es soll Nutzer/-innen schnel­ler zur gewün­schen Infor­ma­tion füh­ren. Das nennt sich SEO (Search Engine Opti­miza­tion). Con­tent­far­men gehen aber einen Schritt wei­ter und pro­du­zie­ren in schnells­ter Abfolge und ohne wirk­li­chen Gehalt bil­lige Texte, um Klicks zu gene­rie­ren, die wie­derum auf pas­send ein­ge­fügte Wer­bung füh­ren soll. Alter­na­tiv gibt es auch den Aus­druck Con­tent­mill (Con­tentmühle), der die Meta­pher mit der schnel­len Pro­duk­tion noch verstärkt.

So gese­hen hat Con­tent in Con­tent­farm sogar eine leicht euphe­mis­ti­sche Note.

Mir ist bei der Recher­che näm­lich schnell auf­ge­fal­len, dass Con­tent­farm - obwohl recht neu­tral defi­niert - offen­bar eine ordent­lich nega­tive Kon­no­ta­tion aufweist:

eine kleine Rich­tig­stel­lung: content.de ist keine Con­tent­farm. Wir stel­len weder eige­nen Con­tent ins Netz noch beauf­tra­gen wir sel­ber Con­tent um die­sen dann Paket­weise an “Con­tent­far­mer” zu ver­kau­fen. Der an andere Stelle auch schon gehörte Ver­gleich mit Demand Media & Co. passt dem­nach nicht, da unser Geschäfts­mo­dell grund­le­gend anders funk­tio­niert. [Link]

Als „Content-Farm“ wird eine Seite bezeich­net, die die Funk­tion hat, durch eine große Anzahl qua­li­ta­tiv min­der­wer­ti­ger und inhalt­lich anspruchs­lo­ser Texte mög­lichst viel Such­ma­schi­nen­traf­fic abzu­grei­fen. [Link]

Mehr Pro­fi­kil­ler braucht das Land – Die schmud­de­lige Rea­li­tät der Content-Farmen. [Link]

Eine Kol­lo­ka­ti­ons­ana­lyse würde ver­mut­lich sehr schnell ans Licht brin­gen, dass Con­tent­farm im Sprach­ge­brauch über­wie­gend mit negativ-konnotierten Adjek­ti­ven und in wenig schmei­chel­haf­ten Kon­tex­ten auf­taucht: schmud­de­lig, Trash, min­der­wer­tig, anspruchs­los, ober­fläch­lich, schlecht recher­chiert oder „wir wol­len nicht mit dem Schwar­zen Schaf (Bran­chen­pri­mus) ver­gli­chen wer­den, wir sind anders“ (s.o.). Eine sol­che Ana­lyse ist natür­lich nur ober­fläch­lich recherchiert.

Wer Zwei­fel daran hat, dass es sich tat­säch­lich um wenig gehalt­volle Texte han­delt, darf sich hier dern das WTF des Tages abho­len: wie man ein Geschenk ein­packt, Sprü­che zum XX. Geburts­tag, ‚Ideen für die Geburts­tags­party einer 13jährigen im Januar‘ oder Wie schreibt man einen roman­ti­schen Lie­bes­brief?. Aus der taz ist über­lie­fert, dass ein Anbie­ter auch das große und lange sehr gut gehü­tete Geheim­nis ver­rät, wie man sein Alter aus­rech­nen kann, wenn man sein Geburts­jahr und einen Taschen­rech­ner parat hat.

Wir sehen, wor­auf es hin­aus­läuft: In den Tex­ten sind die Schlag­wör­ter in so schmerz­haft gro­ßer Dosie­rung und unge­len­ken Kom­bi­na­tio­nen unter­ge­bracht, dass einem fast schlecht wird und man nicht glau­ben möchte, dass das jemand liest oder lesen muss. Man könnte natür­lich tole­rant anmer­ken, dass es sich in hier um Tipps und eine Art Lebens­be­ra­tung (Jaha!) han­delt und es durch­aus Men­schen geben könnte, die damit was anfan­gen kön­nen. Aber ich glaube, die Din­ger rich­ten mehr Scha­den an, fürchte ich (wenn es um recht­lich rele­vante The­men geht). Just my two cents, sub­jek­tiv gesprochen.

Simone hat in ihrer Nomi­nie­rungs­be­grün­dung den Nagel schon ganz gut getrof­fen, viel­leicht nicht voll. Von Con­tent­far­men zu spre­chen stellt eigent­lich nicht den Stel­len­wert von Tex­ten und Krea­ti­vi­tät im Netz per se in Frage - die Kol­lo­ka­tio­nen und Dis­kus­sio­nen bele­gen, dass da sehr strikt dif­fe­ren­ziert wird. Mit Con­tent­farm wer­den ja erst genau die spe­zi­el­len Trash­t­exte bezeich­net, die es vor­her in der Masse und Gehalt­lo­sig­keit sel­te­ner gab (zumin­dest nicht mit einem ein­deu­tig kom­mer­zi­el­len Inter­esse) - so ist es im Grunde keine beson­ders nen­nes­werte Bezeich­nung für etwas, was wir vor­her umständ­lich umschrei­ben muss­ten (ein Teil­kri­te­rium für die Wahl). Dies könnte sich in Zukunft natür­lich ändern, wobei ich an die­ser Pro­gnose kri­ti­sie­ren würde, dass der Kom­po­si­tum­kopf Farm hier die Gene­ra­li­sie­rung und Über­tra­gung auf gene­relle Tra­shin­halte blo­ckie­ren könnte. Diese Blo­ckade könnte von Con­tent­mill eher geris­sen wer­den. Was Con­tent­farm aber zwei­fels­los mibringt ist eine euphe­mis­ti­sche Bedeu­tungs­ver­schie­bung von Con­tent. Womit ich natür­lich alle Nicht-Contentfarm-Inhalte auto­ma­tisch für beson­ders gehalt­voll hal­ten würde. Sei’s drum.

Die Aktua­li­tät

Keine Frage, es liegt wohl an der Ankün­gigung von Google aus dem Januar 2011, Con­tent­far­men ent­ge­gen zu wir­ken (Google selbst bezeich­net es als Such­ma­schi­nen­spam). So fin­det man im Januar, Februar und noch­mal im August ver­ein­zelt Medi­en­be­richte dar­über (die taz nennt Con­tent­far­men in ihrem Arti­kel übri­gens Inhal­te­farm). Die Aktua­li­tät liegt natür­lich auch in der Zunahme von Con­tent im Inter­net und der gestie­ge­nen Bedeu­tung von Such­ma­schi­nen­ran­kings. So als Über­le­gung. Mehr dazu auch in der Dis­kus­sion um…

Die Ver­brei­tung

Deut­lich zu wenig für einen ernst­haf­ten Anwär­ter auf den Angli­zis­mus des Jah­res. Im DeReKo fin­det sich das Wort gar nicht, egal in wel­cher Schreib­weise (Con­tent allein: über 1000 Tref­fer). Bei GoogleIn­sights ist auch nur ein unge­wöhn­li­cher Aus­schlag im Februar 2011 zu ver­zeich­nen (zwei Tref­fer), ansons­ten bleibt die Liste leer, da zu wenige Anfra­gen ver­zeich­net wer­den. Bei Goog­le­News wird man 2011 mit 2 Tref­fern für con­tent­farm und mit ins­ge­samt 5 für con­tent farm/content-farm fün­dig. Das ist gegen­über 2012 ein Anstieg von 2 bzw. 4 Tref­fern. Irgend­wie steil nach oben, aber irgend­wie auch, äh, von gaa­haaanz unten. Ergo: das reicht der­zeit lei­der nur für eine Dis­qua­li­fi­ka­tion, zumin­dest für die Wahl 2011.

[Ach­tung! Im Laufe der letz­ten Tage hat sich offen­bar irgend­was in der Such­ma­schi­nen­welt ver­scho­ben - die GoogleNews-Suche, die ich im letz­ten Absatz dis­ku­tiere, ist nicht mehr reproduzier- bzw. rekon­stru­ier­bar. Das ändert aber doch recht wenig an mei­nem Ein­druck, dass es sich um eine sehr geringe Ver­brei­tung im all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch handelt.]

Der Voll­stän­dig­keit hal­ber: Sucht man nach con­tent­farm im nor­ma­len Google, wer­den über Zehn­tau­send Tref­fer ange­zeigt - und die ers­ten ver­wei­sen direkt, ähm, auf Con­tent­far­men. In Extrem­fäl­len füh­ren sie auf Con­tent­far­men mit Medi­en­be­rich­ten über Con­ten­far­men. Das ist mir echt zu zir­ku­lär jetzt.

Fazit

Der Ansatz der Nomi­nie­rung ist nach­voll­zieh­bar - und die seman­ti­sche Ana­lyse hat gezeigt, dass es durch­aus um eine sinn­volle Bezeich­nung für Trash­t­exte han­deln könnte, bis hin zum Euphe­mis­mus­sta­tus und einer Kor­rum­pie­rung des neu­tra­le­ren Begriffs Con­tent. Es deckt aber ande­ren Trash auf nor­ma­len Sei­ten nicht ab. Ich bin des­halb - alles in allem - der Mei­nung, dass Con­tent­farm nicht zum Angli­zis­mus des Jah­res taugt. Die guten Argu­mente fal­len unter Netz- bzw. Gesell­schafts­kri­tik und wären viel­leicht was für die Leute von neusprech.org. Zudem kon­zen­triert sich die Dis­kus­sion um Con­tent­far­men auf zwei, drei große Anbie­ter und ist mir nicht all­ge­mein genug, um sich schluss­end­lich zu qua­li­fi­zie­ren. Zugu­ter­letzt finde ich ent­schei­dend, dass es im all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch (noch) zu wenig ver­brei­tet ist.

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Dis­clai­mer: Ich habe als Frei­be­ruf­le­rin selbst SEO-Texte ver­fasst. 40.000 Wör­ter über ein Pro­dukt eines ech­ten Pro­dukt­an­bie­ters, der nur die­ses eine Pro­dukt anbie­tet. N Spaß ist das nie. Die Arbeit an die­sen Tex­ten führt ebenso ziel­füh­rend zu Gehirn­matsch, wie das Lesen der­sel­ben. Pro­jekt­ma­na­ge­rin: „Ich hoffe, du wohnst im Erd­ge­schoss.“ Ich war [naja!] und brauchte das Geld.

*KWIC=Key­word in Con­text. Ein Begriff aus der Kor­pus­lin­gu­is­tik. Der Tref­fer wird in sei­ner kon­tex­t­u­el­len Umge­bung aus­ge­wor­fen. Auf jeden Fall im gan­zen Satz, oft aber auch mit meh­re­ren Sät­zen davor und danach.


[AdJ 2011] Das neue Mem: Meme.

29. Januar 2012 von suz

Als die Nomi­nie­rung Meme von Karo­line abge­ge­ben wurde, war ich über­rascht: Denn eigent­lich hielt ich es für die Plu­ral­form von Mem, einem längst inte­grier­ten Fach­ter­mi­nus, dem­ent­spre­chend mit deut­scher Aus­spra­che [me:mə], mir war nicht klar, dass es eigent­lich und ver­mut­lich einen, äh, pho­no­lo­gi­schen Angli­zis­mus [mi:m] gibt. Ich krie­che zu Kreuze! Ich lese wenn über­haupt nur von Meme, höre es sel­tenst, ja? (Die Plu­ral­form von Mem könnte auch die fol­gen­den Ver­su­che zur Häu­fig­keits­su­che beein­flusst und erschwert haben.) Beide Wör­ter bezeich­nen im Eng­li­schen und Deut­schen jeweils die glei­chen Ideen und sind natür­lich kon­zep­tio­nell mit­ein­an­der verwandt.

Wir haben hier - vor­weg­ge­nom­men - zwei Sta­dien zu betrach­ten: Die Über­nahme von Mem vor 30 Jah­ren (mit mor­pho­lo­gi­scher und pho­no­lo­gi­scher Inte­gra­tion) und der zweite Import mit ande­rer Bedeu­tung (offen­bar) noch ohne die voll­stän­dige Inte­gra­tion eben erst jetzt. Ich halte die Nomi­nie­rung des­halb auf der Basis des zwei­ten Imports für zulässig.

Ursprung

Die Intui­tion, dass Mem längst ein­ge­bür­gert ist, geht auf die „Ursprungs­be­deu­tung“ von Mem zurück, die mir bekannt und prä­sent war: Richard Dawkins ent­wi­ckelte in Ana­lo­gie zu Genen das Mem-Modell, das wir auch in Deutsch­land bereits vor Jahr­zehn­ten über­nom­men haben. Hier bezeich­net ein Mem einen kul­tu­rel­len Repli­ka­tor aus den Berei­chen Ver­hal­ten, Spra­che, Mode, Kul­tur - schlicht alles, was in kul­tu­rel­ler Trans­mis­sion durch Imi­ta­tion wei­ter­ge­reicht (oder aus­ge­son­dert) wird und so im Mem-Pool über­lebt oder eben nicht. Richard Dawkins schreib dazu 1976 (hier in der Fas­sung von 1989):

The new soup is the soup of human cul­ture. We need a name for the new rep­li­ca­tor, a noun that con­veys the idea of a unit of cul­tu­ral trans­mis­sion, or a unit of imi­ta­tion. ‚Mimeme‘ comes from a sui­ta­ble Greek root, but I want a mono­syllable that sounds a bit like ‚gene‘. I hope my clas­si­cist fri­ends will for­give me if I abbre­viate mimeme to meme* If it is any con­so­la­tion, it could alter­na­tively be thought of as being rela­ted to ‚memory‘, or to the French word même. It should be pro­noun­ced to rhyme with ‚cream‘.

Exam­ples of memes are tunes, ideas, catch-phrases, clo­thes fashions, ways of making pots or of buil­ding arches. Just as genes pro­pa­gate them­sel­ves in the gene pool by lea­ping from body to body via sperms or eggs, so memes pro­pa­gate them­sel­ves in the meme pool by lea­ping from brain to brain via a pro­cess which, in the broad sense, can be cal­led imitation.

Dawkins (1989: 192)

Ent­wick­lung und Entlehnung

In die­ser Bezeich­nung ist Mem bei uns natür­lich längst eta­bliert. Aber darum ging es Karo­line in der Nomi­nie­rung ja nicht. Um dahin­zu­ge­lan­gen, gehen wir über die Ent­wick­lung im Eng­li­schen: Nun ist dort also Fol­gen­des pas­siert: mit engl. meme1, das viel all­ge­mei­ner die Repli­ka­tion eines kul­tu­rel­len Kon­zepts bzw. kul­tu­rel­ler Infor­ma­tio­nen bezeich­net, wer­den in der Inter­net­ge­ne­ra­tion auch die Kon­zepte bezeich­net, das auf den Prin­zi­pien der Mem- bzw. Infor­ma­ti­ons­re­pli­ka­tion beru­hen, die sich aber gänz­lich im Inter­net abspie­len, also als meme2 (mit einer sub­jek­tiv gefühl­ten Witz­kom­po­nente). Diese zweite Bedeu­tungs­schat­tie­rung haben wir jetzt auch pho­no­lo­gisch über­nom­men und bezeich­nen sie mit Meme [mi:m]. Wäh­rend meme also im Eng­li­schen die zwei Bedeu­tun­gen meme1 und meme2 abdeckt, haben wir im Deut­schen Mem(e) [me:mə] für meme(s)1 und Meme(s) [mi:m] für meme2 und somit ein­deu­tig eine Bedeu­tungs­dif­fe­ren­zie­rung und eine Berei­che­rung für die deut­sche Sprache.

Die­ser Ansicht ist auch Karo­line, die argu­men­tiert, dass Meme die Berei­che abdeckt, die viral nicht abde­cken kann. Das ist kor­rekt, aller­dings ist es mei­ner Ansicht nach eine fal­sche Argu­men­ta­tion. Was mit Meme und viral bezeich­net wird, sind ‚Repli­ka­tor‘ bzw. ‚Repli­ka­tion‘: viral bezeich­net eine Art der Repli­ka­tion, also wie die Repli­ka­to­ren (Memes) ver­brei­tet wer­den. Also in die­sem kon­kre­ten Fall davon abge­se­hen, dass Meme ein Nomen und viral ein Adjek­tiv ist (die Sprach­ge­mein­schaft hätte natür­lich auch viral in ein Nomen kon­ver­tie­ren kön­nen, um die Bedeu­tung von Meme abzudecken).

Ver­wen­dungs­bei­spiele seien hier kurz ange­führt (inkl. der Belege, die bei der Nomi­nie­rung auf­ge­führt wurden):

 Die Koope­ra­tion von Youtube und dem Guggenheim-Museum Ende letz­ten Jah­res sollte demons­trie­ren: Die Mut­ter aller Video­platt­for­men kann mehr als Musik, ille­gale Aus­schnitte und Meme schleu­dern. (DRa­dio Wis­sen, 23.11.2011)

John Pike und das Hitler-Meme John Pike ist zu einem Meme gewor­den, so nennt man schnell sich über das Inter­net sich ver­brei­tende Bild­witze und Film­chen. (Die Welt, 24.11.2011)

Die Buchliebhaber-Challenge – Das zweite Meme! (Not­hing More Delight­ful, 15.11.2011)

Inter­net Memes im Über­blick: Wo sie her­kom­men und was sie bedeu­ten. (Juliane Waack, blogwatch.germanblogs.org, 20.05.2011)

Aber einige der der­zeit über­all kur­sie­ren­den Guttenberg-Meme sind ein­fach zu schön, um unter­schla­gen zu wer­den: (Flo­rian Bayer, seite360.de, 17.02.2011)

Eine schöne Samm­lung von eigent­li­chen Memes ist auch die Meme-Datenbank knowyourmeme.com.

Der Voll­stän­dig­keit hal­ber: Genus­zu­wei­sung ver­mut­lich aus­nahms­los und ein­deu­tig Neu­trum (das Meme), mög­li­cher­weise in Ana­lo­gie zu das Mem, das Gen; Plu­ral die Memes.

(Wobei man natür­lich nicht abschlie­ßend sagen kann, dass Meme auch immer [mi:m] ist: dafür sind einige hier nicht auf­ge­führte Ver­wen­dun­gen in Abwe­sen­heit von nume­rus­an­zei­gen­den Arti­keln (ein bzw. das Meme), sowie auf­grund der pho­no­lo­gi­schen Inte­grier­bar­keit in unser Pho­n­emin­ven­tar und natür­lich der ety­mo­lo­gi­schen und kon­zep­tio­nel­len Über­schnei­dung von meme1 und meme2 nicht ein­deu­tig als [me:mə] oder [mi:m] inter­pre­tier­bar. Die Ambi­gui­tät ist aber auch gar nicht so ent­schei­dend, son­dern im Pro­zess des Bedeu­tungs­wan­dels normal.)

Kri­te­rium der Dif­fe­ren­zie­rung erfüllt? Ja.

Aktua­li­tät

Wie aktu­ell ist Meme? Wie oben ange­führt, kann Meme als Plu­ral von Mem die Suche erschwe­ren. Hier soll der Blick in eine GoogleIn­sight-Suche für Mem und Meme genü­gen: Dort ist 2011 eine deut­li­che Häu­fig­keitst­ren­nung von Mem und Meme zu erken­nen. Bis etwa 2011 ver­lau­fen Meme [me:mə] und Mem im Gleich­schritt, ab 2011 steigt Meme sprung­haft an, auch der hypo­the­sierte Plu­ral von Meme, Memes nimmt erst neu­er­dings wirk­lich zu. Dies ließe den vor­sich­ti­gen Schluss zu, dass wir es 2011 tat­säch­lich mit einer Häu­fig­keits­zu­nahme von Meme [mi:m] zu tun haben. Dies legen auch die Top­such­an­fra­gen für meme nahe: face­book memememe gene­ra­tor oder inter­net meme, also eben nicht im Sinne von Mem (GoogleIn­sights unter­sucht aller­dings nur nach Region [hier: DE], lei­der nicht nach Sprache).

Kri­te­rium der Aktua­li­sie­rung erfüllt? Vor­sich­ti­ges Ja.

Meta­be­mer­kung

Was mich fach­lich fas­zi­niert an Meme, Repli­ka­to­ren und Repli­ka­tion: in der Lin­gu­is­tik wurde von Wil­liam Croft (1996, 2000) ein ana­lo­ges Modell zum Gen- und Mem-Pool vor­ge­schla­gen, um Sprach­wan­del im evo­lu­tio­nä­ren Sinn erklä­ren zu kön­nen: Theory of Utter­ance Selec­tion (etwa: Theo­rie der Äuße­rungs­aus­lese). Dort sind sprach­li­che Äuße­run­gen die Repli­ka­to­ren aus einer Popu­la­tion der Spra­che, geäu­ßert (repli­ziert) von den Mit­glie­dern der Sprach­ge­mein­schaft. Eine Äuße­run­gen wird danach dann mit höhe­rer Wahr­schein­lich­keit repli­ziert, je mehr oder bes­ser sie eine expres­sive Funk­tion erfüllt (Dar­wins Idee „Sur­vi­val of the fit­test“). Dies ist nicht gerade Ant­wort 42 - aber ein model­lier­ter Ansatz­punkt, um das Über­le­ben und die Ver­brei­tung von sprach­li­chen Äuße­run­gen auf allen Ebe­nen der Spra­che theo­re­tisch erklä­ren zu kön­nen (aber nicht vor­aus­sa­gen!). Das ist für die Wahl natür­lich nur ein fach­li­cher und sub­jek­ti­ver Meta-Einschub, erin­nert mich aber daran, dass ich mir das noch­mal genauer anschauen [bitte Modal­verb der Wahl einsetzen].

Fazit

Das hätte ich vor drei, vier Stun­den (bzw.: vor der gest­ri­gen Sper­rung mei­ner Web­seite) nicht gedacht: Meme ist sogar ein ziem­lich guter Kan­di­dat. Er hat echte Über­le­bungs­chan­cen, ist auf dem Vor­marsch und da er nicht auf einen Social Media-Bereich beschränkt ist, steht Meme auch der brei­ten Sprach­ge­mein­schaft offen - sofern sie natür­lich im wei­te­ren Sinne mit Inter­net­tech­no­lo­gie ver­traut ist und mit ihr umge­hen kann. Und anders als bei vie­len Kan­di­da­ten haben wir hier keine Ent­leh­nung, die wir bedeu­tungs­tech­nisch ein­g­re­grenzt, ver­all­ge­mei­nert oder ver­scho­ben haben (aber was nicht ist, könnte noch wer­den - obwohl ich das für eher unwahr­schein­lich halte), son­dern eine, die wir in kon­zep­tio­nel­ler Gänze  impor­tiert haben.

Lite­ra­tur:
Croft, Wil­liam. 1996. Lin­gu­is­tic Selec­tion: An Utterance-based Evo­lu­tio­nary Theory of Lan­guage Change. Nor­dic Jour­nal of Lin­gu­is­tics 19: 99-139.
Croft, Wil­liam. 2000. Explai­ning Lan­guage Change: An Evo­lu­tio­nary Approach. Long­man.
Dawkins, Richard. 1989. The Sel­fish Gene. Oxford Uni­ver­sity Press. (Kapi­tel 11: Memes: the new rep­li­ca­tors).

 

 


[AdJ 2011] - Welches -gate nimmst du?

25. Januar 2012 von suz

Heute blog­gen Kris­tin und ich zeit­gleich zum Kan­di­da­ten -gate. So ein Par­al­lel­post haben wir uns schon im letz­ten Jahr gegönnt: wir wis­sen also bis 22 Uhr nicht, wel­che Über­le­gun­gen die andere ange­stellt hat, wo sie gesucht hat und zu wel­chem Ergeb­nis sie kommt. Reizvoll.

(Hier geht’s zu Kris­tins Bei­trag. Sie hat auch die Nomi­nie­rungs­be­grün­dung von Patrick Schulz aus­ge­gra­ben - ich hatte gar nicht auf Kom­men­tar­seite 4 geguckt. Auch gut. Dann war ich wenigs­tens nicht in eine von bei­den Rich­tun­gen vor­ein­ge­nom­men, weil Patrick letz­tes Jahr das Sie­ger­wort lea­ken nomi­niert hatte.)

Nun denn: Zum ers­ten Mal in der tra­di­ti­ons­rei­chen Geschichte der Wahl zum Angli­zis­mus des Jah­res ist ein Affix nomi­niert bzw. hat die erste Runde über­stan­den: -gate. Die Nomi­nie­rung, genauer gesagt eigent­lich die Ent­leh­nung eines gebun­de­nen Deri­va­ti­ons­mor­phems an sich, ist des­halb ein biss­chen erstaun­lich, weil in den aller­meis­ten Fäl­len unge­bun­dene, also freie lexi­ka­li­sche Ein­hei­ten ent­lehnt wer­den. Es sind also beso­ders Nomen und Ver­ben, die Spra­chen mit Vor­liebe auf­neh­men; mit ein klein biss­chen Abstand fol­gen Adjek­tive - und ganz sel­ten in der Ent­leh­nungs­hier­ar­chie ste­hen Ein­hei­ten, die sich eher am gram­ma­ti­schen Ende unse­res Wort­schat­zes befinden.

Jetzt haben wir mit -gate also ein Suf­fix, ein (augen­schein­lich) gebun­de­nes Mor­phem, ein Nominal- bzw. Derivationssuffix.

Aktua­li­tät?

In der Kürze der Zeit im aus­klin­gen­den Semes­ter war es mir unmög­lich, eine even­tu­elle Häu­fig­keit genau zu bemes­sen bzw. das Vor­kom­men des - nen­nen wir es vor­läu­fig - Wort­be­stand­teils genauer auf einen Zeit­raum ein­zu­gren­zen. Das liegt pri­mär daran, dass -gate in ober­fläch­li­chen Such­an­fra­gen alle mög­li­chen Wort­kom­bi­na­tio­nen aus­wirft, die auf -gate enden: eine flotte Auf­zäh­lung beinhal­tet bei­spiels­weise Sur­ro­gate, Aggre­gate, Agate, Spa­gate oder Col­gate. Ande­rer­seits wer­den all die „ech­ten“ -gates über­se­hen, die sich bereits in der Schrei­bung der deut­schen Ortho­gra­fie ange­passt haben: also eben nicht Karatchi-Gate oder Battery-Gate, die mit einem Bin­de­strich die Suche ermög­li­chen und erleichtern.

Die schnelle Suche in Zei­tungs­kor­pora bei Cosmas II ergibt ein ebenso ver­wirr­tes Bild und hilft bei der Aktua­li­täts­über­prü­fung nur so viel wei­ter: -gate ist als Affix schon lange belegt, eigent­lich deut­lich zu alt und für die Wahl 2011 schon vor­weg nicht qualifiziert.

Also müs­sen wir uns der Nomi­nie­rung anders nähern. Ich werfe des­halb zwei Fra­gen in den Raum: 1.) Hat sich die Bedeu­tung in den letz­ten Jah­ren vor und spe­zi­ell in 2011 spür­bar vom Surrogat(e) Water­gate ent­fernt? Dann frage ich mich aller­dings auch 2.): worum han­delt es sich eigent­lich - um ein Deri­va­ti­ons­af­fix oder viel­leicht doch um den Kopf eines Kompositums?

Ursprung

Na, das über­rascht jetzt nie­man­den: Water­gate, 1972. Der OED (in der Aus­gabe von 1989, auf der die online ver­füg­bare Defi­ni­tion beruht) defi­niert es folgendermaßen:

A ter­mi­nal ele­ment denot­ing an actual or alle­ged scan­dal (and usually an attemp­ted cover-up), in some way com­pa­ra­ble with the Water­gate scan­dal of 1972.

Ein Skan­dal mit gro­ßer politisch-gesellschaftlicher Strahl­kraft, könnte man sagen. Damals.

Im Eng­li­schen war -gate übri­gens ganz flott pro­duk­tiv zur Stelle (OED):

  1. Volga­gate (1973), Dal­las­gate (1975), Korea­gate (1976),
  2. Mot­or­gate (1975), Lan­ce­gate [is no Water­gate] (1977),
  3. Wine-gate (1973), Ice Cream Gate (1977)

Dabei sind die Grup­pie­run­gen hier seman­tisch moti­viert vor­ge­nom­men (die sich bis heute wenig ver­wun­der­lich gehal­ten haben): Gruppe 1 ist nach den Orten des Skan­dals, Gruppe 2 nach den Namen der invol­vier­ten Per­so­nen oder Pro­duk­ten und Gruppe 3 nach der Sub­stanz des Skan­dals ein­ge­ord­net. Außer­dem scheint mit zuneh­men­der Zeit die Wucht des Skan­dals und sei­ner Öffent­lich­keits­wir­kung doch recht deut­lich abzunehmen.

Inter­es­sant ist auch, dass der OED -gate nicht als pro­to­ty­pi­sches Affix kate­go­ri­siert, son­dern als com­bi­ning form. Dies sind For­men, die wie Affixe auf­tre­ten (als gebun­dene Mor­pheme), also wie etwa die form medico- (von medi­cal), dazu gehö­ren auch bei­spiels­weise gebun­dene Mor­pheme wie -ology, bio-, phy­sio- oder astro-, die man auch als Wort­bil­dungs­ele­mente der soge­nann­ten neo­klas­si­schen Kom­po­si­tion bezeich­net (Wort­bil­dung mit gebun­de­nen latei­ni­schen oder grie­chi­schen Ele­men­ten). Mit -gate schei­nen wir uns also in der Grau­zone zwi­schen Kom­po­si­tion und Deri­va­tion zu befin­den: Kom­po­si­tion wäre es nur dann eindeutig(er), wenn -gate ein freies Mor­phem wäre. (Ich suche aber noch die Rele­vanz der Erkennt­nis, dass es sich um ein Kom­po­si­ti­ons­ele­ment han­deln könnte.)

Kom­po­si­tum?

Die Frage ist für die Wahl aber drit­tran­gig und abschlie­ßend beant­wor­ten möchte ich sie nicht. Jaha, dann kam heute näm­lich Babette und tat uns und der Twit­ter­ge­meinde einen ganz wun­der­ba­ren Gefal­len! Das lus­tige Ket­ten­mail­gate aus dem Bun­des­tag för­derte heute unter ande­rem diese Ver­wen­dun­gen von Gate als freies Mor­phem zu Tage:

Ein Gate und die #Pira­ten sind nicht dabei? Ich pran­gere das an! #kürsch­ner­gate (25. Januar 2012) [@AlterPirat]

Mal ein Gate, ohne dass #Pira­ten scheisse gebaut hät­ten. #kürsch­ner­gate (25. Januar 2012) [@TeleGehirn]

wüsste er, was ihr hier alles als „gate“ bezeich­net, würde richard nixon sich im grabe umdre­hen. (25. Januar 2012) [@dielilly]

Das ken­nen wir auch schon von Ismus („Das ist doch bloß wie­der so ein komi­scher Ismus!“) - das gern­zi­tier­tes Bei­spiel von frei­ge­setz­ten Mor­phe­men (mit lexi­ka­li­scher Bedeu­tung). Das macht Kom­mu­nis­mus oder Femi­nis­mus natür­lich nicht zu Kom­po­sita. Aber bei Gate bestünde durch­aus das Poten­tial, dass es sich für den klei­nen, leicht amü­sant anmu­ten­den Skan­dal für die Früh­stücks­pause durch­aus ver­selbst­stän­digt. Abwar­ten. Aber Gemach, Gemach - immer­hin suchen wir hier den Angli­zis­mus des Jah­res 2011 und nicht das Freie Mor­phem 2012.

#kürch­ner­gate ist seit Stun­den Top­trend bei Twit­ter. Das ist nicht über­ra­schend - und illus­triert die Bedeu­tungs­ver­schie­bung von -gate in die Rich­tung, dass sich bei dem ent­spre­chen­den Ereig­nis eben noch nicht mal um einen Skan­dal han­deln muss, um ein Gate zu sein.

Pro­duk­ti­vi­tät?

Diese Ein­schät­zung wird von einem Bei­trag in der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen (21.01.2012) gestützt:

Aber man kann Lauer, der einer von 15 Abge­ord­ne­ten der Pira­ten­par­tei im Ber­li­ner Abge­ord­ne­ten­haus ist, auch sehr schnell zum Aus­ras­ten brin­gen. Man muss nur „Part­ner­gate“ sagen, „Salz­gate“ oder „Eso­gate“. Es sind die auf Twit­ter benutz­ten Code­wör­ter der Skan­däl­chen, mit denen die Ber­li­ner Pira­ten es in letz­ter Zeit regel­mä­ßig in die Haupt­stadt­bou­le­vard­presse geschafft haben.

Also davon abge­se­hen, dass wir ver­mut­lich Pro­bleme mit der Aktua­li­tät bekom­men, finde ich diese Bedeu­tungs­ver­schie­bung eigent­lich ziem­lich rele­vant für die Wahl. Die Suche im Cosmas II bleibt hier ober­fläch­lich, aber ein gewis­ses Mus­ter zeich­net sich ab:

Water­kant­gate“ nen­nen spitze Zun­gen die kaum glaub­li­chen Wahl­kampf­vor­gänge, die bewirk­ten, daß laut und in allen Lagern von Poli­tik und Gesell­schaft die Frage nach der Moral der Macht gestellt wird.
1987, Mann­hei­mer Mor­gen, 3. Dezem­ber [H87/KM6.09413]

Wel­chen Song müßte er heute spie­len, um sein durch „Moni­ca­gate“ ram­po­nier­tes Image auf­zu­po­lie­ren?
1998, Frank­fur­ter Rund­schau, 6. April [R98/APR.27953]

Die Lokal­presse fand einen grif­fi­gen Titel für den Abhör­skan­dal im CDU-Haus: „Weser­gate“.
2003, Rhein-Zeitung, 1. Juli [RHZ03/JUL.00398]

Der Skan­dal hatte als »Nipple­gate« für Schlag­zei­len gesorgt.
2004, Nürn­ber­ger Nach­rich­ten, 24. April [NUN04/SEP.02343]

Die Medien spre­chen schon vom „Karatschi-Gate“ mit dem Poten­zial, Frank­reichs neue Staats­af­färe zu wer­den.
2010, Nürn­ber­ger Nach­rich­ten, 23. Novem­ber [NUN10/NOV.02267]

Auch ein Kabi­netts­mit­glied gestand, dass ein Kra­wat­ten­ver­zicht erheb­li­chen häus­li­chen Ärger aus­ge­löst hätte. Krawatten-Befürworter sehen in See­ho­fers Vor­stoß ein bedau­er­li­ches Krawatten-Gate: „Stil­los“ und eine „Miss­ach­tung des Par­la­ments“, schimpfte ein auf Tra­di­tion bedach­ter CSU-Abgeordneter.
NUZ11/JUL.01355 Nürn­ber­ger Zei­tung, 14.07.2011

Es ist nur eine Stich­probe - aber wir sind im Deut­schen offen­bar von der gro­ßen Staats­af­färe zum klei­nen Kan­ti­nen­witz gewan­dert. Von Water­gate zu baju­wa­ri­schen Empö­rung über Kra­wat­ten? Also da gehört schon eine gehö­rige Por­tion Dra­maqueen­ge­quen­gel, aus Letz­te­rem sowas wie Ernst­haf­tig­keit raus­zu­le­sen. Außer­dem fehlt der heu­ti­gen Ver­wen­dung der Aspekt der Ursprungs­be­deu­tung bzw. der, die noch in den 2000er Jah­ren vor­herr­schend war, näm­lich das des Staats­skan­dals und des die Öffent­lich­keit täu­schen­den Vertuschens.

Fazit?

Ich bin mir nicht sicher, ob all diese Argu­mente -gate wirk­lich für einen der Topplätze qua­li­fi­zie­ren. Was aber inter­es­sant ist, in Erman­ge­lung der sonst eher dürf­ti­gen Erfül­lung der Nomi­nie­rungs­kri­te­rien: Wir haben eine Bedeu­tungs­ver­schie­bung zum klei­nen, amü­san­ten Skan­dal für zwi­schen­durch. Erneut ist für diese Ein­schät­zung natür­lich der Sog von Twit­ter mit­ver­ant­wort­lich. Und in der Kürze der Zeit dann trotz­dem eine span­nende und unter­halt­same Ent­de­ckung, auch für mich. So ist -gate dann doch irgend­wie ein put­zi­ger Kan­di­dat - viel­leicht mit Außen­sei­ter­chan­cen, weil wir jetzt ver­all­ge­mei­nert und unge­hemmt pro­duk­tiv auf alles anwend­bar die Gates belä­cheln dürfen.


[AdJ 2011] Where’s my Masterand?

22. Januar 2012 von suz

Nomi­niert wurde Mas­terand von Leser/in kww:

Ich möchte das Wort “Mas­terand” vor­schla­gen. Es ist natür­lich eine Ana­lo­gie­bil­dung zu Diplo­mand, d.h. es bezeich­net jeman­den, der an sei­ner Mas­ter­ar­beit arbeitet.

Mir ist die­ses Wort in die­sem Jahr zum ers­ten Mal und bis­her nur in münd­li­cher Form unter­ge­kom­men. Nach der Umstel­lung von den Diplom­stu­di­en­gän­gen zu Bachelor/Master-Studiengängen taucht diese Sorte Men­schen jetzt zum ers­ten Mal auf (zumin­dest in mei­ner Umge­bung). Google zeigt, dass es auch schrift­lich vor­kommt, vor allem in Stel­len­an­zei­gen und da meis­tens in der Kom­bi­na­tion “Diplomand/Masterand”.

Bege­ben wir uns auf Exkur­sion und begin­nen ein wenig früher.

Der Begriff Mas­ter, genau wie der unter augen­schein­li­cher Ver­drän­gung lei­dende Magis­ter, geht - wenig über­ra­schend - auf das Latei­ni­sche magis­ter zurück (Kluge 1889; Grimm­sches Wör­ter­buch [DWB]). In ver­kürz­ter Form wird magis­ter meist als ‚Leh­rer, Gelehr­ter, Meis­ter‘ wie­der­ge­ge­ben. Es ist auch ver­wandt mit dem deut­schen Meis­ter und des­halb auch mit allen mög­li­chen Ämtern (Bür­ger­meis­ter, ursprüng­lich wohl antonymisch-analog gebil­det: Minis­ter); also irgend­wie im Wort­feld der Gelehr­ten und Mäch­ti­gen. Der Duden erwähnt gar die mor­pho­lo­gi­sche Ver­wandt­schaft zu Magnat [s. ‚Her­kunft‘, da magis ‚mehr‘, als adv. zu magnus, siehe auch magna cum laude, Magna Carta - alles irgend­wie Große halt].

Magis­ter (lat.) erfuhr im Deut­schen nach der schon in frü­he­ren Sprach­sta­dien geklau­ten latei­ni­schen Bedeu­tung und Ent­leh­nung Meis­ter im Mit­tel­al­ter eine wei­tere, zweite Ent­leh­nung unter Kon­ser­vie­rung des latei­ni­schen Begriffs, näm­lich eine „von den uni­ver­si­tä­ten seit dem 15. jahrh. aus­ge­hende, mit bei­be­hal­tung der gelehr­ten latei­ni­schen form: magis­ter libe­ra­lium artium wurde der in der artisten- (phi­lo­so­phi­schen) facul­tät zum range der leh­rer­schaft erho­bene genannt; auch doc­to­ren der theo­lo­gie hies­zen magis­tri“ (DWB).

Immer noch ein Gelehr­ter (und streit­bar Mäch­ti­ger), aber eben mit der Bedeu­tungs­schat­tie­rung im aka­de­mi­schen Rahmen.

Warum das alles? Weil es im Eng­li­schen ähnlich ablief. Also auch hier magis­ter > maystr (in diver­sen Schrei­bun­gen) > mas­ter. Schauen wir uns dazu mal eine Aus­wahl der reich­hal­ti­gen Beleg­samm­lung des OED unter dem Stich­wort mas­ter1 an, wo aller­dings die über­wäl­ti­gende Anzahl an Ein­trä­gen (Bedeu­tun­gen) meine Vor­stel­lungs­kraft von Wort­be­deu­tungs­ket­ten und -rela­tio­nen auf eine herbe Probe stellt - des­halb wirk­lich Aus­wahl:

In der Bedeu­tung als ers­ter Ein­trag: ‚Herr­scher, Mäch­ti­ger, Führer‘

Ðonne he gemette ða scylde ðe he stieran scolde, hræd­lice he gecyðde ðæt he wæs magis­ter & eal­dor­monn.
(10. Jhd., King Ælfred, Pas­to­ral Care, Hat­ton xvii. 117; Über­set­zung: van Gelde­ren 2010: 46)

witod­lice he sette him weorca mæg­stras, þæt hy gehyn­don hi mid hefi­gum byrþenum.
(11. Jhd. Old Eng. Hexa­teuch: Exod. (Claud.) i. 11)

Heore aȝene pine neure nere þe lesse þah heo meis­tres weren.
(13. Jhd., MS Lamb. in R. Mor­ris Old Eng. Homi­lies (1868) 1st Ser. 43)

A kin­gis prouost may haue na mare power na has his mais­ter.
(15. Jhd., G. Hay Bk. Law of Armys (2005) 103

(Ich bitte um Ent­schul­di­gung - meine Alteng­lisch­kennt­nisse rei­chen noch nicht aus, um mich in zeit­lich ver­tret­ba­rem Auf­wand durch Kasus­win­dun­gen und Satz­klam­mern zu friemeln.)

Es fol­gen 13 Haupt­ein­träge mit einer scroll­bal­ke­n­a­to­mi­sie­ren­den Zahl an unter Umstän­den obso­le­ten Unter­be­deu­tun­gen: Mana­ger, Auf­se­her, Haus­halts­vor­ste­her, Mili­tär­obe­rer, Arbeit­ge­ber, Jemanden-irgendwas-tuend-in-einer-Schule, irgendwas-technisches (mas­ter slave), Haus­tier­be­sit­zer (obächtle! Herr­chen!), Sie­ger einer Schlacht, Jemand-mit-Macht, Freier Mann, être maître, a woman’s huband, Schiffs­ka­pi­tän, Besit­zer von irgend­was - viel­leicht hätte ich mich auf Online Ety­mo­logy Dic­tio­nary beschrän­ken sol­len - Bridge­spiel­karte, Haupt­do­ku­ment, Gra­mo­phon­teil - oha, ab Bedeu­tung 11: Leh­rer, in Kom­po­sita auch als Schul­di­rek­tor, Lehr­meis­ter, Stil- und Kunst­i­kone -- und wenn ich lange genug suchen würde, bestimmt auch noch im Wort­feld des Spaßvogels.

Drei­ßig Kilo­me­ter (es fol­gen dann noch 10 wei­tere Ein­träge und eine Latte an offen­bar defi­ni­ti­ons­wür­di­gen Kom­po­sita) spä­ter sind wir also bei:

A hol­der of a senior degree from a uni­ver­sity or other aca­de­mic insti­tu­tion, the degree being ori­gi­nally of a sta­tus which con­veyed aut­ho­rity to teach at a uni­ver­sity. Now usually: the hol­der of a post­gra­duate degree below the level of a doctorate.

Per­son mit einem wei­ter­füh­ren­den Abschluss einer Uni­ver­si­tät oder einer ande­ren aka­de­mi­schen Ein­rich­tung; der Grad befä­higte ursprüng­lich zur Lehre an einer Uni­ver­si­tät. Jetzt bezeich­net mas­ter übli­cher­weise den/die Träger/in eines post­gra­du­ier­ten Abschlus­ses unter­halb eines Doktorgrades.‘

Bis ins 19. Jahr­hun­dert beschränkte sich mas­ter über­wie­gend auf die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten (als Mas­ter of Arts oder magis­ter artium), das Dok­to­rat war das Pen­dant in den ande­ren Fächern. In die­ser Bedeu­tung ist mas­ter erst­mals 1380 belegt:

Heyr lyis Ingram of Ket­he­nys prist maystr in arit.
(1380, Proc. Soc. Anti­qua­ries Scotl. (1896) 30 42.)

Neh­men wir die Ortho­gra­fie als brauch­ba­ren Indi­ka­tor zur Aus­spra­che, lis­tet der OED eine beein­dru­ckende Liste an Ent­wick­lungs­sta­dien von magis­ter > mas­ter:

Alteng­lisch (bis ca. 11. Jdh.): mægs­ter, mages­ter, magis­ter, mæges­ter, mægis­ter
Im Übergang zu Mit­tel­eng­lisch (11. Jdh.): mestre, mæs­tere
Mit­tel­eng­lisch (12.-14. Jdh.): maȝȝstre, mais­tere, maistr, mais­tur, mais­tyr, may­s­tere, maystir, maystur, may­styr, meis­ter, meistir, meistre, mesteir, meys­ter, maistir, mays­ter, maystre, mais­ter,
Spä­tes Mit­tel­eng­lisch (15-16 Jhd.): mass­ter, mas­tur, mas­tir, mas­tyr, mastre, mas­ter, mastar, mus­ter;
Schot­tisch (17. Jhd.): maies­ter, mais­tere, mais­ter­ris (plu­ral)
Eng. Regio­nal (18. Jhd.): maas­ter (north.), maas­ther (north.), maes­tur (west.), mais­ter,  mais­ther (north.), mars­ter (south-east.), mays­ter, meas­ter, mee­as­ter (north.), mes­ter (north.), mesther (north.), mestur (north.);

Was auf­fällt: Bereits im Mit­tel­eng­li­schen war das <g> und ver­mut­lich lange davor auch das [ɡ] ver­schwun­den. Außer­dem war Mit­tel­eng­lisch recht nahe am heu­ti­gen Meis­ter. Durch Laut­ver­schie­bun­gen und einem inten­si­ven Sprach­kon­takt mit dem Alt­nor­di­schen und Fran­zö­si­schen (OED), lan­den wir im Früh­neu­eng­li­schen (etwa ab 1500) beim mas­ter. Man könnte fast sagen: Eine laut­li­che Ent­wick­lung, die im Deut­schen beim Meis­ter und aka­de­misch beim Magis­ter ste­hen­ge­blie­ben zu sein schein - die dann vom Bologna-Prozess aber hopplahopp vor­an­ge­trie­ben wurde.*

Kom­men wir zum Wesent­li­chen, sonst steht nach­her im Kom­men­tar­be­reich: „Thema ver­fehlt!“. Immer­hin ist Mas­terand nomi­niert und die Fest­stel­lung, dass die Eng­li­sche Spra­che im Sprach­wan­del mal wie­der n Zacken flot­ter war, ist ja auch nicht so neu. Wie der/die Nomi­nie­rende ver­mu­tete, ist Mas­terand eine ana­loge Bil­dung zu Diplo­mand und Magistrand - also als Bezeich­nung für jeman­den, der/die gerade kurz vor Erlan­gung des aka­de­mi­schen Gra­des steht, also hier dem des Mas­ters. Mit Ein­füh­rung der Bachelor- und Mas­ter­ab­schlüsse und dem Aus­lau­fen der tra­di­tio­nel­len Diplom- und Magis­ter­ab­schlüsse feh­len uns offen­bar auch die Gegen­stü­cke zu diplo­mie­ren und magis­trie­ren. Man könnte  ein­wen­den, dass magis­trie­ren gar nicht exis­tiert - zuge­ge­ben, 255 Tref­fer sind im Ver­gleich zu über einer hal­ben Mil­lion für diplo­mie­ren nicht gerade üppig.

Wozu magis­trie­ren und diplo­mie­ren? Das Nomi­nalsuf­fix -and ist ein Deri­va­ti­ons­suf­fix, das aus Ver­ben auf -ieren die ent­spre­chen­den Nomen macht: neben den Diplo­man­den, Dok­to­ran­den und Habi­litan­den gibt es auch die Pro­ban­den, Kon­fir­man­den und Reha­bi­litan­den, in der Mathe­ma­tik (also unbe­lebte Enti­tä­ten) die Sum­man­den, Mul­ti­pli­kan­den, Ope­ran­den oder Inte­gran­den. Die­ses Deri­va­ti­ons­suf­fix gibt es auch in der sel­te­ne­ren Alter­na­tive -end: Sub­tra­hend oder Divi­dend - und aus dem Reich der Aka­de­mie natür­lich der Pro­mo­vend.

Die deut­lich pro­duk­ti­vere Vari­ante ist das Suf­fix­paar -ant/-ent: auch hier wer­den Nomen aus -ieren-Ver­ben abge­lei­tet, aller­dings mit einem sub­ti­len seman­ti­schen Unter­schied: Absol­vent, Minis­trant, Diri­gent, Emi­grant, Emi­t­ent, Fabri­kant, Kor­re­spon­dent, Demons­trant, Kon­tra­hent oder Que­ru­lant bezeich­nen Per­so­nen, die die Ver­bhand­lung selbst ausführen.

Die -and/-end-Nomen hin­ge­gen bezeich­nen Per­so­nen, die von der Ver­bhand­lung betrof­fen sind (Canoo.net, Duden.de). Man­che qua­li­fi­zie­ren sich also über den Minis­tran­ten zum Kon­fir­man­den. Darin liegt viel­leicht auch eine der Gründe der Kon­fu­sion, ob man (selbst) eigent­lich pro­mo­vie­ren kann oder ob man pro­mo­viert wird. (Dies ist mir bis­her vor allem von Sprach­pfle­gern vor­ge­hal­ten wor­den, weil ich sage: man kann auch *hüs­tel* selbst pro­mo­vie­ren; also sprach­lich.) Ergo­ex­kurs: Müsste man nicht sogar eine Unter­schei­dung zwi­schen Pro­mo­vent und Pro­mo­vend ziehen?

In einem Forums­ar­ti­kel bei leo.org berich­ten einige Foris­ten von ihren Bauch­schmer­zen beim Wort Mas­terand (was ana­log aber auch für Bache­l­o­rand gilt): Warum nicht Master-Student? Weil es nicht aus­rei­chend genau ist: Ein Master-Student bezeich­net all­ge­mei­ner jeman­den, der in einem Mas­ter­stu­di­en­gang ein­ge­schrie­ben ist. Der Mas­terand hin­ge­gen spe­zi­fi­ziert den Zeit­punkt des Stu­di­ums - kurz vor dem Abschluss.

So suchen bereits viele Unter­neh­men in Stel­len­bör­sen und -anzei­gen Mas­teran­den, oft wer­den der­zeit noch Diplo­man­den ange­spro­chen. Die gesuch­ten Mit­ar­bei­ter wer­den meist aus tech­ni­schen Stu­di­en­gän­gen rekru­tiert, weil sie ihre Abschluss­ar­bei­ten häu­fig als Werk­stu­die­rende in den Unter­neh­men schrei­ben kön­nen. Das dürfte auch der Grund sein, wes­halb Mas­terand eine recht statt­li­che Anzahl von Google­tref­fern erzielt, aber in Trend­lis­ten (z.B GoogleIn­sights) oder Kor­pora so gut wie gar nicht auf­taucht (wes­halb die Nomi­nie­rung in der Jury sehr skep­tisch gese­hen wurde) und wohl im all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch noch nicht ange­kom­men zu sein scheint.

Einer der Leo-Foristen merkt an, dass Mas­terand unsin­nig sei, weil - wenn sich Dok­to­rand und Diplo­mand von Ver­ben auf -ieren ablei­ten - es gar kein mas­te­rie­ren gäbe. Nun ja, das ist aber auch nicht das Ent­schei­dende: Ers­tens kann man ana­log zu diplo­mie­ren oder pro­mo­vie­ren natür­lich mas­te­rie­ren ver­wen­den, um die stres­sige Phase kurz vor dem aka­de­mi­schen Abschluss zu umschrei­ben. Zwei­tens ist auch diplo­mie­ren nicht ein­fach vom Him­mel gefal­len, son­dern eben­falls eine Deri­va­tion, näm­lich von Diplom, dem Abschluss­grad also. So ist der Deri­va­ti­ons­pro­zess Mas­ter > mas­te­rie­ren > Mas­terand quasi impli­zit. Außer­dem finde ich diplo­mie­ren per­sön­lich auch nicht so nahe dran am Diplo­mand, wie bei­spiels­weise pro­mo­vie­ren am Doktoranden/Promovenden dran ist - weil bei der Dok­tor­ar­beit jeder nor­ma­ler­weise bereits mit dem Auf­schla­gen des ers­ten Buches pro­mo­viert, also wäh­rend des gesam­ten Pro­mo­ti­ons­stu­di­ums - und nicht erst in der hei­ßen Endphase.

Drit­tens, und das ist ent­schei­dend, ist die Betrach­tung der Bil­dung von Mas­terand auf rein morphologisch-formalen Aspek­ten über die Ablei­tung mas­te­rie­ren eigent­lich eher unspan­nend. Plau­si­bler ist die Annahme, dass die Bil­dung auf der Ana­lo­gie in einem fast iden­ti­schen, seman­ti­schen und kon­zep­tu­el­len Rah­men beruht, also auf dem Abschluss­grad an sich.

Fazit

Wer es bis hier­hin geschafft hat: Herz­li­chen Glück­wunsch! Denn eigent­lich ist die vor­weg­ge­nom­mene Schluss­fol­ge­rung: Kein beson­ders hei­ßer Kan­di­dat für den Angli­zis­mus des Jahres.

Warum?

Ers­tens, und viel­leicht etwas wider­sprüch­lich für die Kri­te­rien der Wahl, weil die Über­le­bens­wahr­schein­lich­keit von Mas­terand nahezu exor­bi­tant hoch ist - zumin­dest bis wir Mas­ter nament­lich durch einen ande­ren Abschluss ersetzt haben. Mas­terand wird Diplo­mand und Magistrand in weni­gen Jah­ren kom­plett ver­drängt haben und der Kon­ven­tio­na­li­sie­rungs­ef­fekt wird auch die Bauch­schmer­zen hei­len. (Die Berufs­be­zeich­nun­gen Dipl-Ing oder Magis­ter wer­den mit ihren Trägern/-innen noch etwas überdauern.)

Zwei­tens, und das finde ich im End­ef­fekt für einen Kan­di­da­ten für den Angli­zis­mus des Jah­res zu wenig: Mas­terand bezieht sich in der Bil­dung auf einen Abschluss, der jeden Namen tra­gen könnte (es hat fast Eigen­na­men­cha­rak­ter). Ergo: Es würde genauso schnell wie­der ver­schwin­den. Was noch dazu kommt: Es fin­det keine wirk­li­che seman­ti­sche Dif­fe­ren­zie­rung statt. Also abge­se­hen von der Tat­sa­che, dass Diplom­stu­di­en­gänge jetzt Mas­ter­stu­di­en­gänge sind - und es wirk­lich eine reine Ana­lo­gie zu den beste­hen­den Begrif­fen ist (durch Aus­tausch). Auch, dass dem Mas­ter ein Bachel­or­grad vor­ge­schal­tet wurde, ändert nichts an der Tat­sa­che, dass die Qua­len, Pus­teln und Stress­si­tua­tio­nen die glei­chen bleiben.

Drit­tens: Die ein­zige wirk­li­che Bedeu­tungs­dif­fe­ren­zie­rung (siehe Nomi­nie­rungs­kri­te­rien) befin­det sich eigent­lich im Wort Mas­ter, nicht not­wen­di­ger­weise im Mas­terand. Mas­ter ist aber ent­schie­den zu alt, um 2011 noch irgend­je­man­den angli­zis­men­tech­nisch vom Hocker zu hauen. Des­halb war mein ers­ter Reflex auch eher: Und wo ist der Angli­zis­mus? Mas­ter dif­fe­ren­ziert aber nicht gegen­über Diplom, son­dern gegen­über sei­nem ety­mo­lo­gi­schen Ver­wand­ten Meis­ter, also als Grau-Wieder-Re-Übersprungs-Import. Man hätte für Mas­ter den Meis­ter im Bil­dungs­we­sen aus nahe­lie­gen­den Grün­den aber nicht vor­schla­gen kön­nen. Wir ver­tra­gen jede Menge Poly­se­mie - aber bei qua­li­fi­zie­ren­den Bildungs- und Berufs­gra­den hört die Poly­se­mie­ver­träg­lich­keit auf fach­li­cher Grund­lage auf. Gut, die Nomi­nie­rungs­kri­te­rien las­sen auch zu, wenn etwas bis dato umständ­lich umschrie­ben wer­den musste: so ersetzt Mas­terand die Mas­ter­ar­beitschrei­ben­den oder gar ganze Phra­sen wie die Stu­die­ren­den, die ihre Mas­ter­ar­beit schrei­ben.

Ich finde aber: Das reicht nicht.

Eine letzte Bemer­kung, der ich wirk­lich nicht wider­ste­hen kann: Die Meis­tern­örg­ler hin­ter dem Angli­zis­mus­in­dex des VDS fin­den, dass Mas­ter in den Natur­wis­sen­schaf­ten ergän­zend, für die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten aber ver­drän­gend ist - das ver­stehe im Ungleich­schritt der Lexi­konent­wick­lung im Deut­schen und Eng­li­schen wer will: Gerade in den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten wäre der Mas­ter doch eine semantisch-verwandte Wei­ter­ent­wick­lung zu Magis­ter. Na, was soll’s.

Oder aber ich hab trotz­dem das Thema ver­fehlt und hätte eigent­lich über die Ent­wick­lung von -and/-end aus dem latei­ni­schen Gerun­divsuf­fix -andus sin­nie­ren sol­len. Ich setze es mal auf meine lange „irgen­wann noch zu bloggen“-Liste.

Spaß gemacht hat’s trotzdem.

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DWB: Grimm, Jakob und Wil­helm Grimm. 1854-1961. Deut­sches Wör­ter­buch [DWB]. Leip­zig 1971. [Online]

Kluge, Fried­rich. 1889. Ety­mo­lo­gi­sches Wör­ter­buch der deut­schen Spra­che. Straß­burg: Trüb­ner. [Online].

  1. mas­ter, n.1 and adj.“. OED Online. Decem­ber 2011. Oxford Uni­ver­sity Press. 20 Janu­ary 2012 <http://www.oed.com/viewdictionaryentry/Entry/114751>.

Blogspektrogramm #9

19. Januar 2012 von suz

BlogspektrogrammBevor es mor­gen mit dem Angli­zis­mus des Jah­res wei­ter­geht, hier noch schnell der Hin­weis auf die Januar-Ausgabe des Blog­spek­tro­gramms, das mit der Rund­schau für den Dezem­ber bei Kilian im Text­thea­ter erschie­nen ist.

Im Sprach­log stellt Initia­tor Ana­tol zur Dis­kus­sion, wie wir die tra­di­ti­ons­rei­che Tra­di­tion des deutsch­spra­chi­gen Blog­kar­ne­vals in Zukunft aus­ge­stal­ten kön­nen, damit sich der Dunst­kreis der tra­di­tio­nell übli­chen Ver­däch­ten aus­wei­ten lässt.

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Bis­her erschie­nene Aus­ga­ben:
Blog­spek­tro­gramm #1 (im Sprach­log)
Blog­spek­tro­gramm #2 (im Sprach­log)
Blog­spek­tro­gramm #3 (bei */ˈdɪːkæf/)
Blog­spek­tro­gramm #4 (im text­thea­ter)
Blog­spek­tro­gramm #5 (im [ʃplɔk])
Blog­spek­tro­gramm #6 (im Sprach­log)
Blog­spek­tro­gramm #7 (im lexi­ko­gra­phieb­log)
Blog­spek­tro­gramm #8 (*/ˈdɪːkæf/)